Die zehn Pflichten des Typografen

Der Typograf gestaltet Texte in ihrem Aussehen: er verleiht ihnen Form, Farbe und Aussage durch eine Vielzahl typografischer Mittel.

Diese Mittel zu kennen und bei Bedarf anzuwenden, gehört bereits zu seiner ersten Pflicht. Aber damit ist diese Pflicht noch nicht erfüllt, und alle weiteren wurden noch nicht einmal in Betracht gezogen. Außerdem lebt der moderne Typograf nicht mehr in der bequemen Arbeitsteilung des vorigen Jahrhunderts; statt dessen muss er sich weitere Berufsfelder einverleiben (Setzer und Korrektor) und darüberhinaus zusätzliche Qualitäten entwickeln, damit sich seine Arbeit aus einer unüberschaubaren Zahl schriftlicher Veröffentlichungen abhebt.

Und dies sind die zehn Pflichten des Typografen, die mir wichtig erscheinen:

Das sind eine Menge Pflichten, die der Erklärung bedürfen. Zunächst erscheint es jedoch am besten, einmal den Standort des Typografen zu bestimmen.

Der Typograf vertritt die Interessen des Textes.

Zwischen Schreiber und Leser besteht eine einseitige Kommunikation, ausgehend vom Schreiber (Sender). Der Leser (Empfänger) hat keine Möglichkeiten, auf das Geschriebene direkt zu antworten. Deshalb ist diese Art der Kommunikation eben einseitig.

Nun hat der Leser jedoch einige Rechte, angefangen mit dem Recht nicht zu lesen (siehe Daniel Pennac: »Wie ein Roman. Die zehn Rechte des Lesers«). Das wiederum mag den Schreiber dazu bewegen, sich auch einige Rechte anzueignen, angefangen mit dem Recht zu schreiben, wie es ihm gefällt.

Zwischen diesen beiden Rechthabern steht nun der Text, um den es eigentlich geht (denn er ist das Medium, der Nachrichtenträger), der aber für dieses Dilemma überhaupt nichts kann. Der Einzige, der sich in dieser verzwickten Situation noch unbefangen um ihn kümmern kann, ist der Typograf. Dafür muss er eben eine Reihe von Pflichten erfüllen.

Wenn sich der Typograf dabei auf die Seite des Schreibers stellt, hat er gegenüber dem Leser schon verloren. Denn der kommt sich dann doppelt bevormundet vor.

Und wenn er sich auf die Seite des Lesers stellt, hat er auch verloren, diesmal gegenüber dem Schreiber. Denn kein Autor mag es, wenn ein Sachbearbeiter meint, er müsse die Interessen anderer vertreten.

Als Typograf haben Sie einfach keine Wahl. Sie stehen immer auf der Seite des Textes. Ausnahmslos. Und Sie vertreten die Interessen des Textes. Das klingt zwar eigenartig, weil es sich beim Text um eine Sache handelt, aber Typografen selbst sind ja auch eigenartig.

Das mag vielleicht daran liegen, dass »Typograf« gar kein echter Beruf ist, sondern eine Bezeichnung für jemanden, der sich in diesem Gestaltungbereich auszeichnet. Jedenfalls macht er sich Textgestaltung zur speziellen Aufgabe: visuelle, sichtbare Textgestaltung. (Die inhaltliche Gestaltung liegt beim Schreiber.) Und er tut dies, obwohl ein Text auch ohne äußerliche Veredelung lesbar und erfassbar ist. Wenn das nicht eigenartig ist.

Viel wichtiger als die Eigenartigkeit des Typografen ist aber sein Streben, dem Text auf die Sprünge zu helfen. Dazu schlüpft er in verschiedene Rollen und arbeitet mit unterschiedlichen Betrachtungsweisen. Er setzt Mittel und Techniken ein, um den Text, den Nachrichtenträger, auf dem schnellsten und besten Weg zum Empfänger zu bringen; dazu macht er den Text anschaulich. »Bruckmann's Handbuch der Schrift« hebt daher die Bildhaftigkeit des typografischen Textes hervor. Wenn der Typograf den rohen Text ins Bildliche, Erkennbare umwandelt, erhöht er dessen Aufmerksamkeitswert und beschleunigt die Nachrichtenübertragung. Der Typograf ist also äußerst kommunikativ und sozial, was seine Arbeit betrifft.

Tatsächlich liegt das Ziel der Typografie in der Kommunikation und nicht, wie man meinen möchte, in ihrer kreativen Leistung. Denn die Kreativität ist selbst nur ein Mittel, wenn auch ein unverzichtbares. Wie sonst könnte der Typograf das Unerwartete, das Unvermutete hervorrufen, das den Leser aufhorchen läßt.

Damit sind wir vom Leserauge zum Leserohr gelangt. Was auch seine Vorzüge hat. Denn wenn die Bildhaftigkeit des typografischen Textes keine Erleuchtung für Sie ist, sollte doch wenigstens bei der Vorstellung ein Glöckchen läuten, dass der Typograf einen Text in Sprache umwandelt, die Ihren Ohren gefällt.

Der Typograf setzt eben alles daran, den Leser zu erreichen; schließlich arbeitet er kommunikativ. Er unterscheidet Texte nach ihren Nachrichten und ihrer Anwendung. Seine Wahl der Mittel entspricht nicht zwangsläufig der Lesbarkeit - die ohnehin ein dehnbarer Begriff ist. In den »Zehn Pflichten des Typografen« geht es um Wichtigeres als Lesbarkeit, typografische Maßsysteme, Schriftklassifizierungen und Goldenen Schnitt. Dieses Wissen sollten Sie als Typograf parat haben - oder auch nicht - entscheidender ist nun beispielsweise, ob Sie sich in Ihrer Werkzeugkiste zurecht finden. Deshalb geht es nun los mit der Pflicht, sich einig zu sein.



Autor: Frank Baranowski, 2008.