Die zehn Pflichten des Typografen

Zehntens: Die Pflicht ein Sprachrohr zu sein

Textgestaltung ist nun wirklich keine einfache Aufgabe, jeder Typograf weiß das aus eigener Erfahrung. Aber sie ist sogar noch etwas schwieriger, denn Textgestaltung ist tatsächlich eine zweifache Aufgabe.

Zuerst unterliegt der Text einer inhaltlichen Gestaltung. Der Schreiber verwandelt die Nachricht in Text und benutzt dazu sprachliche Mittel und Techniken, um die Merkmale seiner Nachricht hervor zu heben: sein Ziel ist es, die Nachricht möglichst deutlich an den Empfänger zu übermitteln.

Danach erhält der Text seine äußerliche Gestaltung. Und diese Gestaltung setzt eben auf eine bereits bestehende auf. Die typografische Arbeit muss sich dem vorgegebenen Zustand anpassen, denn ihr Ziel ist es schließlich, die Übertragung der Nachricht zu unterstützen.

Der Typograf kommt also erst an zweiter Stelle. Auch er benutzt Mittel und Techniken und muss sich dabei an die Textmerkmale halten. Er gestaltet daher im Grunde nicht den Text, sondern dessen Eigenschaften und Bezüge. Und damit macht er die Nachricht des Textes lesbar und benutzbar; eben funktionstüchtig.

Endlich!, werden Sie ausrufen; endlich geht es um den eigentlichen Auftrag der Typografie, endlich geht es um Kommunikation. Sie haben Recht. Aber das Beste kommt halt immer erst zum Schluss.

Ausserdem verlangt der Gestaltungsauftrag mehr als alle anderen Pflichten, und mit dieser Pflicht ein Sprachrohr zu sein, unterscheidet sich der Typograf endgültig vom Setzer.

Der Typograf ist ein Alleinunterhalter.

Der Typograf, der ewige Zweite, hat die Aufgabe, die Nachricht eines Textes zu unterstützen. Dazu muss er übersetzen: die sprachliche Nachricht, die der Schreiber in Text verwandelt, muss der Typograf wieder in Sprache umwandeln, in sichtbare, bildhafte Sprache.

Nun sind die Ausdrucksmöglichkeiten der gesprochenen und der geschriebenen Sprache recht vielfältig und persönlich gefärbt, aber die typografischen Mittel sind eher bescheiden - und technisch. Dennoch erlauben diese wenigen Mittel eine Fülle von Kombinationsmöglichkeiten.

Wenden Sie Ihr ganzes typografisches Geschick an und schöpfen Sie die Mittel aus: spielen Sie mit Schriftarten, Größen, Abständen und Farben. Allein damit erzeugen Sie einen ansprechenden Text. Sie entwerfen im Grunde einen Sprecher, der uns vorträgt: und ihm könnten wir stundenlang zuhören, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Hoppla! Damit ist es also noch nicht getan. Wo bleibt die Nachricht? Die Mittel allein machen noch keine Typografie.

Die Gestaltungsmittel sind recht einfach zu beherrschen. Jeder weiß, dass große Schrift mehr auffällt als kleine, und fette Schrift mehr als magere. Wir haben bereits in der Grundschule gelernt, in Zeilen zu schreiben und Ordnung in unseren Texten zu halten (siehe: die Pflicht zu schreiben).

Aber ein ordentlicher Text kann gleichzeitig außerordentlich langweilig sein (siehe: die Pflicht Abstand zu wahren). Er erinnert dann schnell an einen eintönigen Vortrag, der den Zuhörer einschläfert. Um ein Sprachrohr zu sein, muss der Typograf seine Mittel entsprechend der Nachricht kombinieren: er entwickelt Techniken, um den Leser anzusprechen, seine Aufmerksamkeit und seine Bereitschaft aufrecht zu erhalten.

Die Gestaltungstechniken bearbeiten die Ordnung des Textes und verleihen ihm Dynamik. Der Typograf unterbricht die Ordnung, um Pausen zu schaffen, wie ein Sprecher beim Luftholen. Der Typograf stört den Textfluss, wie ein Sprecher mal laut, mal leise spricht, seine Stimme anhebt, um zu betonen, und dann wiederum vertraulich einen Einschub macht.

Der Typograf kann dazu die verschiedensten Schriftstile aufbieten, damit sie in ihrer Form gegeneinander antreten; er kann dem Schriftsatz Formationen verpassen, die sich gegenseitig und allem anderen in die Quere kommen; er kann den Text in seinen Bestandteilen derart auf der Fläche verteilen, dass das Format entweder an Größe gewinnt oder aber unter Platznot leidet.
Und das ist erst der Anfang.

Der Typograf hat ordentlich zu tun, um einen Text in Unordnung zu bringen. Wenn der typografische Text für den Leser schließlich annehmbar ist, dann aus dem Grunde, weil er eine gewisse sprachliche Unordnung erwartet und vorfindet.

Die Erwartungshaltung des Lesers wiederum ist ein sicheres Zeichen, denn sie verrät nicht nur, was er von sich aus erwartet, sondern auch, was ihm zugemutet werden darf. Und das Unvermutete kann den Leser ordentlich aufrütteln.

Mal lauter und mal leiser als erwartet, mal frecher und braver, mal riesiger und mal winziger. Das sind die Steigerungsformen, mit denen der Typograf seine Ansprache anhebt. Und wenn das Publikum gar zu verwöhnt ist, kann er sogar noch einen Gang höher schalten: vom Komperativ in den Superlativ.

Der Typograf als Sprachrohr macht aus dem Text einen Ausrufer oder Vertrauten, einen Kumpel, Lehrer, Freund oder Feind; je nachdem: er macht die Nachricht des Textes adressierbar. Darin liegt seine kreative Leistung. Das ist sein Gestaltungsauftrag in der Kommunikation. Und wenn dazu ein Megaphon nötig ist, sollte der Typograf nicht lange zögern es zu benutzen.

Bei der typografischen Gestaltung spielen Sie ohnehin den Alleinunterhalter. Dann müssen Sie auch den Mut haben, aufs Podest zu steigen, um Ihr gesamtes Publikum typografisch zu erreichen. Klar, dass Sie bei einem Kaffeekränzchen eher artig und besinnlich vortragen, aber bei einem Herrenabend können Sie sich durchaus deftig bis schlüpfrig geben. Eine Belegschaft einzuweisen, erfordert zwar eine sachliche, aber auch motivierende Ansprache, begleitet von kollegialen Tipps. Und für die Werbung gilt: je billiger die Ware, desto größer die Klappe. Da sind Sie ein Marktschreier und lassen den Schnabel bitte nicht still stehen.

Weiter geht's mit dem Nachwort.



Autor: Frank Baranowski, 2008.