Die zehn Pflichten des Typografen

Neuntens: Die Pflicht ausgeschlafen zu sein

Sie sitzen und lauschen, wie seine Schritte auf dem Flur leiser werden. Dann ist es wieder still, aber Sie bleiben trotzdem noch eine Weile reglos sitzen. Endlich genehmigen Sie sich einen Schluck aus Ihrer Büroflasche und das Kribbeln in Ihrem Nacken legt sich etwas. Sie haben gerade einen dubiosen Auftrag angenommen.

Sie sollten sich an die Arbeit machen, denn der Mann hat Ihnen klare Anweisungen gegeben, zusammen mit dem Text, den Sie sich noch gar nicht angesehen haben. Warum zögern Sie? Es ist eine einfache Arbeit, Marlowe. Tun Sie, was man von Ihnen erwartet. Nichts mehr.

Etwas stimmt nicht, denken Sie. Die Sache ist zu einfach. Sie lesen den Text, der so unschuldig aussieht wie frischer Pulverschnee zu Weihnachten. Sie möchten sich am liebsten auf die Socken machen und Nachforschungen anstellen. Natürlich würden Sie eine Handvoll Lügen zu hören kriegen. Aber je mehr Sie in diesem Auftrag herumstochern würden, desto mehr Verdächtige kämen zum Vorschein.

Genehmigen Sie sich noch einen und machen Sie endlich, was man von Ihnen verlangt. Es ist ganz einfach, Marlowe. Kein Grund zur Aufregung. Also, was macht Ihnen zu schaffen?

Manche Texte sind anders, als sie scheinen.

Der Schreiber (oder war es sein Mittelsmann?) gab Ihnen den Text, den Sie typografieren sollen. Aber über Ziel und Zweck dieser Aufgabe wollte er sich nur ungenau äußern. (Er sagt nie alles, was er weiß.) Da waren Fragen, aber er wich aus, beschwichtigte Sie und spielte die Unklarheiten herunter. Und Sie wußten von Anfang an, dass er Sie nur für seine Zwecke benutzen will.

Sie halten den Mann auf Abstand, aber damit sind Sie den Gefahren noch nicht entronnen. Denn wie sieht es mit dem Corpus delicti aus? Richtig: der Text kann so unscheinbar und billig wie der Malteser-Falke aussehen. Lassen Sie sich nicht täuschen: es steckt mehr darin. Der Text erscheint manchmal anders, als er ist. Aber Sie sind ein ausgeschlafener Typograf. Sie versuchen gar nicht erst, den Text zu verstehen. Schreiber und Leser verstecken und entdecken im Text etwas, das nur diese beiden etwas angeht. Mischen Sie sich da nicht ein. Es bringt Sie nur in ungeahnte Schwierigkeiten. Machen Sie ausschließlich das, was man von Ihnen verlangt. Alles weitere geht Sie nichts an.

Ein ungutes Gefühl sagt Ihnen, Sie sollten sich aus dieser Sache ganz raushalten. Aber Ihr Vermieter und Ihr Kühlschrank sind da anderer Ansicht. Typografieren Sie - und nicht mehr. Keine Schnörkel, keine Extras. Und mischen Sie sich nicht ein.

Klar, es gibt immer mal schräge Aufträge: manchmal verirrt sich jemand in Ihre Intelligenz-Klause, weil er händeringend nach einer Lösung für sein Textproblem sucht, das allen anderen zu fragwürdig erscheint. Aber kein Problem für Sie.

Und dann die Verzweifelten, die ihren letzten Zwanziger geben würden, wenn sie ihn noch hätten. Auch dann leisten Sie beste Arbeit und verbuchen den Verdienstausfall als Spende. Man kann Sie vielleicht sentimental nennen, trotzdem sind Sie ein ausgeschlafener Bursche.

Verschwenden Sie Ihren typografischen Eifer also nicht an dubiose Aufträge wie diesen. Das würde nur ein müder Typograf tun; einer, der den Schreiber zwar als Täter erkennt, gleichzeitig aber alle Leser als Opfer einstuft (schwerer Irrtum) und dann auch noch versucht, den Text mit seinem typografischen Können zu entschärfen. (Gehen Sie nach Hause, Mister.)

Der müde Typograf ist im Grunde der Typografie überdrüssig. Er hat zu viele Leichen gesehen und auch noch Spuren verwischt. Er kennt die Täter und die künftigen Opfer, aber er erkennt das Motiv nicht. (Gehen Sie nach Hause, Mister. Sie sind müde.)

Er wird es vielleicht nie verstehen, dass zwischen Schreiber und Leser eine Verbindung besteht. Sie machen sogar gemeinsame Sache, denn sie kennen die Botschaft des Textes; er aber nicht. Irgendwann wacht der Typ in einer Seitenstraße auf und vermisst seinen Hinterkopf, während seine Gedanken herumwirbeln wie die Druckzylinder der Rotation.

Als ausgeschlafener Bursche haben Sie längst gespürt, dass der Leser gar kein Opfer ist. Schon möglich, dass er es zu Beginn war, aber dann spielte er mit und nun steckt er zu tief mit drin um auszusteigen. Und auch er würde Sie für seine Zwecke nur benutzen. Also, behalten Sie ihn im Auge, aber versuchen Sie nicht ihm zu helfen. Sie können kein Opfer schützen, schon gar nicht vor sich selbst.

Und sehen Sie zu, dass Sie beim Typografieren möglichst wenig Spuren hinterlassen. Dann kommen Sie vielleicht mit einem blauen Auge davon.
Und mischen Sie sich nicht ein.
Das ist Chinatown, wissen Sie?

Weiter geht's mit der Pflicht ein Sprachrohr zu sein.



Autor: Frank Baranowski, 2008.