Die zehn Pflichten des Typografen
Achtens: Die Pflicht demütig zu sein
Am Anfang war die Erde wüst und leer. Aber der Mensch machte das Land urbar und ertragreich - im Schweiße seines Angesichts.
Mit diesem Bild vor Augen tritt der Typograf oft der täglichen Textwüste entgegen. Mit dem Unterschied, dass Typografen nicht so schnell ins Schwitzen geraten. Das liegt an der modernen Arbeitsweise: wir raufen uns zwar gern die spärlichen Haare und schlagen die Hände vors Gesicht, hauen auf die Leertaste (was uns umgehend Leid tut) und zerbrechen Bleistifte und Lineale (weshalb wir in der Materialausgabe unbeliebt sind). Von Schweiß kann also kaum die Rede sein, wenn wir im Jammertal der Texte ackern müssen.
Die Pflicht demütig zu sein, zwingt uns in den Staub, wenn wir wieder und wieder einen Zeichenausgleich vornehmen müssen. Das ist bei kurzen Texten schnell erledigt, aber bei langen Texten knien wir in der Ackerfurche, die Setzlinge in den erdigen Händen, und versuchen den fernen Horizont zu ignorieren.
Nehmen wir uns also nicht zu wichtig. Wir sind typografische Feldarbeiter und unsere Leistung fällt nicht so sehr ins Gewicht wie bei unseren Urahnen Gutenberg und Bodoni beispielsweise.
Gutenberg hatte die Gabe der Kombination, als er sozusagen den typografischen Mähdrescher erfand. Solche Eingebungen revolutionieren nicht nur einen Berufsstand, sie wirken sich auch auf die Gesellschaft aus. Fragt sich nur, ob ihm das heute auch gelingen würde?
Und Bodoni, sehr viel später, ging sogar zurück zu den Wurzeln; er untersuchte alles, was ihm bei der Arbeit unter die Finger kam, und er experimentierte mit allem - und das im laufenden Betrieb: heutzutage unmöglich. Erstens wäre er für jeden Job überqualifiziert - also arbeitslos - und ebenso hätte er mit seiner Ich-AG aufgrund seines Arbeitstempos schnell pleite gemacht und wäre wieder im Hartz-IV-Team gelandet.
Bleibt uns wohl nur die Demut. Deshalb gibt es auch so wenige hochmütige Typografen. Wir können zwar mit Arroganz ans Werk gehen, aber allein die Ausdauer entscheidet über die Qualität der Ernte.
Der Typograf darf, und muss sogar manchmal, arrogant gegenüber dem Text sein (siehe: die Pflicht Abstand zu wahren) - diese Arroganz beruht jedoch auf der Möglichkeit seines Scheiterns und ist deshalb mehr als gerechtfertigt. Aber ansonsten darf er seine Größe nicht mit Arroganz überhöhen: das wäre hochmütig, was etwas völlig anderes ist als unausstehlich zu sein. Unausstehlichkeit gründet auf Besserwisserei, Fachwissen, sprich: Fachidiotie. Nichts schlimmes also, wenn man kompetent sein will (siehe: die Pflicht unausstehlich zu sein). Hochmut dagegen bezeichnet das irrige Vorhaben, die eigenen Fähigkeiten zu wichtig zu nehmen.
Der Typograf ist nichts ohne den Text. Und erst, wenn er den Text veredelt, zum Blühen bringt, erst dann ist der Typograf etwas. Aber bis dahin steckt der Text kümmerlich und unscheinbar im Dreck. Also: ab in den Staub mit uns.
Aus lauter Schaffensfreude rutschen wir auf Knien, säen und setzen, düngen und wässern, und voller Demut stellen wir fest, dass der Leser nur die besten Früchte erntet, aber unser ordentliches Feld gar nicht beachtet.
Voll froher Erwartung denken wir an die pausbäckigen Kinder, die wegen der knackigen Äpfel anstehen werden, und voller Demut stellen wir fest, dass die Obstkisten zur Mosterei gefahren werden.
Mit Stolz ziehen wir einen exzellenten Font an Land, und voller Demut stellen wir fest, dass unser Kollege aus dem selben Schwarm gefischt hat; und er hat mehr Erfolg damit. Natürlich.
Ist das der Lohn? Die Saat, der Text, ist nicht unser und die Ernte erst recht nicht. Und unsere Kollegen, die sprichwörtlich dümmsten Bauern, fahren die dicksten Kartoffeln ein.
Da muss man ja ganz rappelig werden. Da möchte man am liebsten mit dem Trecker durch den Weizen preschen und ein paar Kornkreise hineinfurchen. Warum eigentlich nicht? Das Feld sieht doch gleich interessanter aus. Drehen wir noch eine Runde.
Und wer bestimmt eigentlich, dass Saatreihen mit dem Lineal gezogen werden? Muss doch nicht sein und ist manchmal sogar unmöglich: man kann doch nicht durch ein Hindernis hindurchsäen, gell? Und wenn keins da ist, schafft man halt eins. Also wuchten Sie den Findling wieder auf den Acker.
Zwischen Demut und Hochmut ist irgendwo mit Bestimmtheit der Übermut angesiedelt, der uns jetzt gepackt hat. Da macht die Arbeit gleich doppelt Spaß! Unsere Kürbisse werden dadurch nicht größer, aber sie schmecken leckerer. Wetten, dass...?
Und wenn Sie jetzt vor lauter Übermut ein Maislabyrinth anlegen wollen, dann halten Sie am Feldrand vielleicht einen Augenblick inne. Lauschen Sie. Es könnte gut sein, dass Sie einen noch besseren Vorschlag zu hören kriegen. Sie müssen dem Maisfeld nur gut zuhören...
Weiter geht's mit der Pflicht ausgeschlafen zu sein.
Autor: Frank Baranowski, 2008.