Die zehn Pflichten des Typografen

Siebtens: Die Pflicht Abstand zu wahren

Die gestaltende Arbeit am Manuskript zwingt den Typografen zu wechselnden Entfernungen zwischen kritischer Nähe und sicherem Abstand.

Die Ferne verschafft ihm den nötigen Überblick; der Typograf kann den Text begutachten, beäugen und belauern. Aber erst aus nächster Nähe sieht er Schwächen und Gefahren. Der rohe Text sieht harmlos aus, aber er ist lebhaft, eigenwillig und bisweilen störrisch.

Und glauben Sie bloß nicht, der Text hätte nur auf Sie gewartet, damit Sie ihn zähmen. Und glauben Sie auch nicht, dass er dabei still hält, wenn Sie es tun.

Nicht genug damit, nahe heran zu gehen, Sie müssen auch noch nahe dran bleiben. Wenn Sie den Text bearbeiten, stellen Sie fest, dass Sie ihn sogar piesacken. Das reizt ihn und macht ihn ungehalten.

Schließlich sind Sie dicht davor, es zu schaffen, aber Sie sind genauso dicht davor, daran zu scheitern. Den nötigen Abstand zu finden und zu wahren, das ist Ihre Pflicht.

Typografie ist ein heikles Wechselspiel mit Nähe und Ferne. Und die Gestaltung des Textes ist entscheidend, fördernd und kreativ. Manche Kollegen betrachten die Typografie als Kunst, und manche als Handwerk. Die einen halten die Typografie an sich für eine notwendige Pflicht, die anderen empfinden sich selbst als Hüter der Ordnung. Recht haben sie alle, auch ich, wenn ich denke, dass Typografie ein dreckiger Job ist - aber einer muss ihn ja machen.

Wir Typografen arbeiten in einem Bereich, den viele Zeitgenossen gar nicht wahrnehmen. Dabei ackern wir unermüdlich (siehe: die Pflicht demütig zu sein) und liefern dann Gestaltung ab, die wiederum vielen als selbstverständlich erscheint, und wir geben dafür unser Bestes, indem wir dem Text, dem Werkzeug, dem Material derart auf die Pelle rücken müssen, dass wir ziemlich schnell in dem Schlamassel mit drin stecken.

Halt! Halten Sie inne und halten Sie vor allem Abstand. Das ist Ihre Pflicht, also halten Sie sie ein.

Typografie ist Arbeit mit Abstand.

Es ist schon äußerst schwierig, mit verschiedenen Betrachtungsweisen und Abständen zu arbeiten. Das macht den Typografen ohnehin seltsam und kauzig.

Aber mangelnder Abstand führt leicht zu übersteigerter Hingabe, persönlicher Eitelkeit und Fetischismus; kurzum: man wird zwangsläufig notorisch und fanatisch. Und wo das hinführen kann, mag sich jeder selbst ausmalen.

Es ist schön, wenn wir unsere Arbeit gern machen, auch mit liebevoller Hingabe, aber wir dürfen es nicht übertreiben. Wir sollten uns mit unserer Arbeit identifizieren, aber tunlichst nicht infizieren.

Ein Kollege bekannte einmal, dass Schrift eine spröde Geliebte sei. Ich bitte Sie. Genausogut könnte jemand sagen: »Ich bin Feuerwehrmann, weil ich's gern warm habe«. Wo bleibt denn da der Abstand? Schrift ist Material in den Händen des Typografen. Und wenn wir zum Material nicht den gehörigen Abstand wahren, können wir nicht unbefangen damit arbeiten.

Lassen wir uns keine Befangenheit vorwerfen. Halten wir den nötigen Abstand zu unserer Arbeit. Es sollte uns leicht fallen, diese Pflicht zu erfüllen. Denn mit Abständen beschäftigen wir uns ohnehin bei unserer typografischen Arbeit: wir betreiben Mikrotypografie. Allein die holperigen Zeichenabstände erfordern viel Zeit, will man sie ordentlich ausgleichen. Dann der Zeilenabstand. Der ist schon aufwändiger, hängt er doch von Zeichenabstand und Zeilenlänge ab. Und diese wiederum hängt davon ab, wieviel Abstand der Satzspiegel zu den Seitenrändern braucht. Sie wissen selbst: mit dem nötigen Abstand fügt sich alles in harmonische Ruhe und Ordnung. Denn zuviel Nähe zueinander bewirkt nur, dass sich alle irgendwann auf die Nerven gehen.

Typografie ist Arbeit mit Abstand: die Abstände von Zeichen, Wort, Zeile und Rand verlangen dem Typografen viel Feingefühl ab, um eine augenfällige Gestaltung herzustellen. Harmonie erzeugt Ruhe: sie ergibt sich, wenn der Text sich zähmen läßt. Dann ist der Typograf ein Textflüsterer, und das funktioniert nur aus nächster Nähe.

Andere Texte sind jedoch nicht so kooperativ, sondern ungestüm wie ein wilder Stier. Gerade dann gibt der Typograf jeglichen Abstand zum Text auf, denn er muss den Text begreifen und letztlich bezwingen. Aber solch ein Text darf nicht erniedrigt werden, seine Unbändigkeit verlangt nach einem Schauspiel zugunsten des Lesers: Typograf gegen Text; und nur einer der beiden verläßt die Arena als Sieger.

Für den Typografen gibt es deshalb keine spröde Geliebte. Wenn er seine typografischen Banderillas nicht geschickt genug platziert, um den Text zu ermüden, dann muss er sich etwas anderes einfallen lassen. Er hatte die Gelegenheit und er war ganz nah dran - nun geht er auf Abstand und schätzt sein weiteres Vorgehen ab. Noch ist Zeit in diesem Ritual: am Schluss, und erst dann, wird der Degen gezückt. Bis dahin muss der Typograf noch einiges leisten - und das aus nächster Nähe. Sonst wird man ihn auspfeifen und verhöhnen, er habe keine Cojones.

Langen Sie nach Ihrer Muleta und gehen Sie auf Tuchfühlung. Lassen Sie den Text ganz nah heran, dass er meint, er erwischt Sie, aber Sie lassen ihn ins Leere stürmen. Von weitem versucht er Sie zu fixieren, dabei sind Sie es, der fixiert und den Ablauf bestimmt.

Bei der Gelegenheit: gönnen Sie Ihrem Publikum einige Nahaufnahmen Ihrer Arbeit. Es sollte ebenso die Nähe und imposante Größe spüren. Wie froh es feststellen wird, dass es auf fernen Rängen sitzt.

Nur Sie dirigieren dieses Schauspiel. Und schließlich kommt der Moment der Wahrheit, der den Sieger hervorbringt. Er wird zeigen, ob Sie Ihre Arbeit gut gemacht haben. Ein letztes Mal müssen Sie ganz nah an den Text, bis nichts mehr zwischen Ihnen beiden ist ...
Die Menge applaudiert.
Wie: Keiner klatscht, keiner jubelt? Keiner da?
Immerhin: Ihnen bleibt die Genugtuung. Für diesmal.

Weiter geht's mit der Pflicht demütig zu sein.



Autor: Frank Baranowski, 2008.