Die zehn Pflichten des Typografen
Sechstens: Die Pflicht altmodisch zu sein
Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und nichts erfreut einen Hungrigen so sehr wie eine Mahlzeit, die ihm weitgehend bekannt erscheint. Wer bei einer Speise erst grübeln muss, verlagert seine Geschmacksnerven zwangsläufig ins Gehirn, und da gehören sie in Ermangelung einer Futterluke einfach nicht hin.
Solche Empfehlungen spricht für gewöhnlich der typografische Koch aus - und Recht hat er. Die Pflicht altmodisch zu sein, erlaubt uns aus reiner Gewohnheit auf altbewährte Mittel zurückzugreifen, wie angestaubt sie auch sein mögen.
Niemand muss sich schämen, wenn er lieber auf typografischem Festland bleibt, als auf unsicheren Wogen ins Ungewisse zu segeln. Daheim ist es vertraut, und Vaterns Dachboden bietet genug für kleine Entdecker. Sichten Sie den alten Plunder und seien Sie sicher: alles was Sie auf dem Dachboden der Tradition finden, kann Sie letztlich vor dem kompletten Versagen retten.
Altmodisch zu sein erlaubt Ihnen beispielsweise auch, den neuesten typografischen Trend zu verschlafen, ohne ein schlechtes Gewissen zu kriegen. Wie euphorisch der jüngste Hype auch bejubelt werden mag - lehnen Sie sich entspannt zurück und warten Sie ab, bis der »dernier cri« seinen letzten Seufzer aushaucht.
Neben dieser Abgeklärtheit kommt Ihnen mit Recht auch eine ausgeprägte Trägheit zugute:
- Erstens ist alles Neue frühestens dann gut, wenn es sich etabliert hat.
- Zweitens kann nichts schlecht sein, was sich seit langem bewährt hat.
- Drittens verwirrt es die allgemeine Leserschaft, wenn ungewohnte Gestaltungsmittel auf sie abgeladen werden.
- Viertens kosten neue Ansätze Arbeit, Zeit und damit Geld; ganz abgesehen vom Aufwand, den Auftraggeber zu überreden.
Wir dürfen den letzten Punkt nicht unterschätzen. Neue Ansätze entstehen meistens, wenn man mit dem Material spielt (siehe: Experimente machen) oder neue Wege gehen möchte (siehe: laterales Denken). Das ist einerseits gut, aber andererseits doch etwas aufwändig. Glücklicherweise hat die Typografie jedoch eine weit zurück reichende Tradition mit dauerhaft guten Beispielen. Und in der heutigen kostenträchtigen Zeit wird es gern gesehen, wenn die Arbeit zügig vonstatten geht.
Ich hatte einmal das Vergnügen [sic!] bei einem Werbeleiter arbeiten zu dürfen (nicht der Überkandidelte, sondern der Überbezahlte), der bei manchen Aufträgen gern anwies: »Wir müssen das Rad nicht täglich neu erfinden«. Recht hatte dieser altmodische Mann, und es ist gleichgültig, ob er wirklich traditionsbewusst war oder ob er einfach keinen Stress haben wollte. Jedenfalls galt es, die bewährten typografischen Mittel souverän einzusetzen, und zwar nicht zu üppig, um eine gediegene, brauchbare Arbeit abzuliefern. So einfach ist das. Und es bewahrte alle Beteiligten davor, das Rad überhaupt jemals neu zu erfinden.
Bei manchen Typografen stellen sich in solchen Situationen umgehend Magenschmerzen ein. Diese Kollegen können sich mit solch einer Arbeitsweise einfach nicht abfinden. Warum eigentlich nicht? Man muss sich doch nicht ständig das Hirn zermartern, um eine typografische Arbeit zu meistern, oder? Es sei denn, man ist bestrebt, das Ergebnis noch mehr nach Typografie und Gestaltung aussehen zu lassen - mehr als vielleicht notwendig. Aber auch dafür hatte der Werbeleiter eine Vorgabe: »Von persönlichen Eitelkeiten ist abzusehen«.
Da haben Sie's. Dann bleiben wir lieber locker und erledigen einen schnellen, soliden Job; danach haben wir umso mehr Zeit für andere Dinge. Für ernsthafte Dinge. Dinge, die uns weiterbringen. (Vor allen Dingen: weg von dort.)
Wir könnten unsere eingesparte Zeit beispielsweise auf dem Dachboden verbringen, um die altmodischen, aber hervorragenden Beispiele findiger Typografie hervorzukramen: diese wunderbaren Textseiten, die mit Stil auftraten. Zu Zeiten, in denen Typografie noch mit Schriftkunst gleichgesetzt wurde - und nicht mit dem Abarbeiten von Text.
Und sehen Sie sich einmal an, wie liebevoll Ornamente und Rahmen eingesetzt wurden. Überhaupt diese verschwenderische Fülle an Gestaltungsmaterial, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hat. Und jede Epoche hatte ihre Besonderheiten: mal kräftig und deutlich, mal fein zieseliert und zerbrechlich, dann wiederum üppig und voll: alles schon mal dagewesen, alles schon mal probiert - und mit Erfolg.
Sie können in dem alten Plunder stöbern und stöbern, ständig stoßen Sie auf neue Schätze. Es gibt so viel zu entdecken, dass die Zeit nicht zu reichen scheint. Aber Sie selbst unterbrechen abrupt diese Reise, weil es Ihnen in den Fingern juckt, solche Schönheit erneut aufleben zu lassen.
In dieser Schatzkiste stecken so viele neue, alte Ideen, die wieder gestaltet werden wollen. Ist es nicht erfrischend modern, altmodisch zu sein?
Lassen Sie sich von nichts abhalten. Bedienen Sie sich ungeniert an diesem kulturellen Fundus. Kombinieren, kopieren und verwandeln Sie die alten Klamotten in neue Kleider. Die heutige Zeit ist gerade recht für eine Veränderung. Ab ins Rampenlicht damit.
Zeigen Sie, was man daraus machen kann. Wer weiß?! Vielleicht gelingt es Ihnen, die neueste Mode auf die Beine zu stellen. Wäre doch was, wenn sich die Leute die Hacken ablaufen nach Ihrem »dernier cri«. Nur, machen Sie Ihre Arbeit solide, damit Ihre Kreationen auf festen Füßen stehen.
Weiter geht's mit der Pflicht Abstand zu wahren.
Autor: Frank Baranowski, 2008.