Die zehn Pflichten des Typografen

Fünftens: Die Pflicht unausstehlich zu sein

Unausstehlichkeit ist überhaupt nicht schlimm, sie muss sogar sein. Sie entspricht in vollem Maße der typografischen Kompetenz, die den Gestalter auszeichnet. Je unausstehlicher, desto kompetenter.

Ein Typograf braucht keine weiteren Qualitäten als Mensch zu haben, allein seine Unausstehlichkeit spricht für ihn als Gestalter. Und Gestaltung ist schließlich seine einzige Aufgabe.

Ein Typograf ist deshalb unausstehlich, weil er ständig an Typografie denkt. Darüber weiß er alles, und er weiß alles besser; und wenn alle anderen denken, die Gestaltung sei gut, reicht es ihm noch lange nicht. Er lebt gewissermaßen Typografie. Sie ist sein erklärtes Aufgabengebiet, das keinen Raum für andere Interessen zuläßt.

Typografen, die sich dennoch für andere Hobbys erwärmen, z. B. Musizieren, sollten ihre Situation überdenken. Denn diese Haltung ist ebenso verwerflich wie die von Musikern, die mit einem Mal anfangen ihre Alben-Cover selbst zu gestalten. Man muss sich schon entscheiden, auf welcher Hochzeit man tanzen will. Zerstreuung ist gut und schön, aber lassen Sie's niemanden merken, Sie riskieren sonst den Verlust Ihrer Kompetenz.

Typografie ist keine Kunst, sondern Notwendigkeit.

Es ist schier unglaublich, wie wir Typografen unser handwerkliches Geschick zu einer Kunst erklären, die dem Laien, dem Nicht-Eingeweihten, verschlossen bleiben soll.

Nichts von dem, was wir für unsere tägliche Arbeit brauchen, ist schwer zu beschaffen. Unser Geschick besteht eigentlich darin, Texte aufzupolieren und anzuhübschen. Ein bisschen Glanz hier, ein bisschen Chrom dort: der Typograf ist ein Gebrauchtwagenhändler, der seine Mittel an der nächsten Tankstelle kriegen kann. Er muss nur die verdreckten Rostlauben so lange wienern (Motorwäsche nicht vergessen!), bis sie wieder glänzen, wie frisch vom Band gerollt (Tachostand nicht vergessen!).

Und Gebrauchtwagenhändler sind auch kaum erträglich - außerhalb ihrer Arbeit schon gar nicht. Dann können sie sich leider nur mit ihresgleichen unterhalten, andere Menschen hören schon gar nicht mehr hin.

Es gibt auch noch die anderen Typografen unter uns, und die möchten keinesfalls mit den Polierern verwechselt werden. Denn sie wissen, dass der schönste Glanz vergebens ist, wenn die Maschine unter der Haube ihre Macken hat. Diese Typografen sind wie die Mechaniker, die sogar am Wochenende im Motorraum hängen.

Sie schrauben, werkeln, basteln, tüfteln und montieren, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Und wozu das alles? Um die Maschine wieder flott zu machen, um die Leistung zu verbessern, um das Auto zu dem zu machen, was es sein soll: mobil.

So sind die Schrauber, allesamt Spinner und Verrückte, unausstehlich wegen ihrer Besessenheit. Sie werden gern belächelt, wenn nicht sogar ausgelacht. Aber ihre Hingabe zum Detail macht ihre Arbeit so wertvoll, obwohl gerade ihre Arbeit kaum auffällt. Denn schließlich fährt das Auto wieder - und das ist der Zweck des Autos.

Die beiden Vertreter des Kfz-Wesens haben ihre besonderen Eigenarten, die sie unausstehlich machen, grundverschieden sind sie aber nicht. Es fängt schon damit an, dass auch ein Schrauber ein glänzend poliertes Auto zu schätzen weiß; und natürlich freut sich der Gebrauchtwagenhändler, wenn die alte Mühle erst nach Ablauf der Garantie verreckt.

Und es hört damit auf, dass beide im Auto den Gebrauchsgegenstand sehen, der mit Pflege und Hingabe zum geliebten Luxus stilisiert werden kann.

Zu welcher Gattung von Typografen Sie sich zählen, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Sind Sie eher der Schrauber-Typ, dann schrauben Sie bitte unentwegt; sind Sie mehr der Glanz-Typ, dann stehen Sie auch dazu, und setzen Sie noch einen drauf. Seien Sie stolz auf sich. Leben Sie Ihre Charaktereigenschaften aus. Wer mit Autos zu tun hat, kennt nur ein Thema: Autos. Und wer typografisch arbeitet, denkt eben nur an Typografie.
Stehen Sie dazu und bleiben Sie unausstehlich. Typografen können halt nur mit Typografen wirklich kommunizieren. Kein anderer versteht, worum es in solchen Gesprächen überhaupt geht, und spätestens bei den Fachbegriffen mutiert ein Typografen-Dialog für den Außenstehenden zu einer Endlos-Schleife zwischen Beavis und Butt-Head.

Aber sehen Sie's mal so: auf diese Weise bleibt Ihnen alles erspart, was sich nicht mit Typografie befasst und damit für Sie unausstehlich wäre.

Unausstehlichkeit hat eben ihren Preis - so oder so. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal mit Ihrem Auftraggeber verhandeln. Schließlich und endlich müssen wir uns eingestehen, was auch den unausstehlichen Gebrauchtwagenhändler ausmacht: würde er Autos verkaufen, wenn er nicht von sich überzeugt wäre?

Weiter geht's mit der Pflicht altmodisch zu sein.



Autor: Frank Baranowski, 2008.