Die zehn Pflichten des Typografen
Viertens: Die Pflicht leidenschaftslos zu sein
Gerade noch hatten Sie eine Menge Leidenschaft für Ihren Beruf entwickelt: Sie beherrschen die typografischen Grundlagen und Sie verstehen den Kommunikationsprozess, weil Sie beide Seiten (Schreiber und Leser) erprobt haben. Und nun werden Sie mit der Pflicht, leidenschaftslos zu sein, wieder auf den Boden der Tatsachen geschleudert. Das ist schon sehr ernüchternd. Vergessen wir aber nicht, dass der Typograf auf der Seite des Textes steht. Der Text ist eine Sache, also sachlich; und deshalb muss der Typograf auch sachlich bleiben. Behalten Sie diese gute Einstellung bei, denn Text ist nicht gleich Text.
Bis jetzt wurde der Text als solcher aufgeführt, und damit wurde sträflich unterschlagen, dass es sehr unterschiedliche Texte für alle möglichen Verwendungen gibt. Als Typograf stehen Sie vor der schwierigen Aufgabe, alle Texte mit der gleichen Sorgfalt zu behandeln. Das ist nicht immer einfach, denn einige Texte behagen auch Ihnen sicher mehr als andere. Hinzu kommt, dass Sie mittlerweile ein geübter Leser sind (siehe: die Pflicht zu lesen) und schnell feststellen, ob ein Text gut oder schlecht geschrieben ist.
Gute Texte typografieren sich fast wie von selbst, bleiben also noch die schlechten. Und es sind häßliche Texte: befremdend, abstoßend und widerwärtig; nicht durchdacht, eitel und vollkommen unvollkommen. Bleiben Sie fair. Sie müssen alle diese Texte typografieren, auch wenn Sie sich lieber Schillers Balladen vornehmen möchten.
Bleiben Sie fair. Im Grunde ist der Text doch keine Sache, sondern etwas Lebendiges. Seine Eigenschaft ist es zu sprechen, zu kommunizieren. Geschrieben von einem lebendigen Wesen, hat der Text die Aufgabe sich mitzuteilen. Er muss deshalb auf dem besten Weg zu seiner Leserschaft gelangen. Helfen Sie ihm dabei.
Den Schreiber haben wir bei dieser Betrachtung schön beiseite gelassen. Aus gutem Grund. Wie er seinen Text schreibt, ist allein seine Sache. Das geht Sie nichts an. Es hat nicht viel Zweck, mit ihm über seinen Text zu diskutieren. Der Schreiber ist der Herr der Worte (und Sie sind nur ein Dienstleister). Der Text ist immer sein Baby, wie häßlich es auch aussehen mag. Da ist er ganz Mutter, die ihr Neugeborenes um seiner selbst willen liebt. (Das mag auch der Grund sein, weshalb bestimmte Schreiber gut und gern auf typografischen Feinschliff verzichten möchten.)
Aber Sie, als Typograf, kümmern sich um das Neugeborene. Sie nehmen sich dieser Kreatur an, auch wenn Sie Ihnen zuwider ist: zu glitschig und glatt, zu furchtbar und fremd, zu borniert und banal. Dieses kleine Wesen kann ja nichts dafür. Mit der Pflicht leidenschaftslos zu sein, sind Sie die typografische Hebamme, die diesen kleinen Neuling ans Licht der Welt befördert, ihn säubert und wickelt, damit auch die liebe Verwandtschaft entzückt ist: denn für jeden Text gibt es eine Leserschaft, die nur auf ihn wartet.
Der Typograf kann einen Text ausschmücken und anreichern, und er kann ihn zurückhaltend und nüchtern darstellen, jedoch immer unter der Vorgabe: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Damit versteht sich die Gleichbehandlung von selbst.
Ein Text ist schließlich auch nur ein Mensch. Also führen Sie ihn nicht vor wie eine Attraktion; das ist ihm unbehaglich. Und unterdrücken Sie ihn nicht wie einen Sklaven; das erweckt nur unnötiges Mitleid. Seien Sie leidenschaftlich leidenschaftslos.
Weiter geht's mit der Pflicht unausstehlich zu sein.
Autor: Frank Baranowski, 2008.