Die zehn Pflichten des Typografen

Drittens: Die Pflicht zu schreiben

Diese Pflicht können Sie getrost wörtlich nehmen. Schreiben bedeutet von Hand zu schreiben. Also nicht tippen: keine technischen Hilfsmittel wie Computer, Schreibmaschine oder Handy benutzen. Und kommen Sie jetzt bloß nicht mit dem Argument, dass heutzutage jeder tippt. Ich würde Ihnen umgehend Ihre eigenen E-Mails und Blog-Postings vorhalten und in ein herzhaftes LOL (= Laugh Out Loud) ausbrechen (*grins*).

Schreiben Sie von Hand. Schreiben Sie einfache Sätze. Damit fängt alles an. Und versuchen Sie am nächsten Tag, Ihr Geschriebenes zu lesen. Wenn Sie es nicht schaffen, fangen Sie noch einmal von vorn an.

Schreiben ist eine Handfertigkeit, die bereits in der Grundschule gelehrt wird. Sie sollten das Schreiben als Tätigkeit beherrschen.

  • Schreiben bedeutet, Sprache oder Gedanken festzuhalten.
  • Schreiben bedeutet, alle Buchstaben lesbar darzustellen.
  • Schreiben bedeutet, ganze Sätze zu bilden.
  • Schreiben bedeutet, einen Leser anzusprechen, der keine Fragen stellen kann.
Bei dieser Pflicht geht es allein um das Textschreiben bei allgemein gültiger Lesbarkeit, also nicht um Schönschreiben oder Kalligrafie. (Obwohl solche Übungen ungemein beruhigen können.) Schreiben Sie, um einen Text zu formulieren, der in sich schlüssig ist, der einen Anfang und ein Ende hat. Ein Text, der zu Ihren Gedanken passt - und nicht umgekehrt.

Der Text muss passen. So oder so.

Wenn Sie mit den ersten Schreibversuchen wieder genügend Übung in Ihre Hand bekommen haben, dann sollten Sie mit einem längeren Text weitermachen, den Sie sinnvoll und gegliedert aufbauen. Ordnen Sie Ihre Gedanken und dann legen Sie los wie in der Schule: Einleitung, Hauptteil, Schlussbemerkung.

Schreiben Sie Nacherzählungen, Berichte, Aufsätze, Kommentare, Anleitungen. Und wenn Ihnen diese Sparten zu nüchtern erscheinen, dann wechseln Sie doch ins Prosaische: das ist ein weites Feld, wie wir mittlerweile wissen. Vielleicht fällt Ihnen eine Geschichte zu diesem ersten Satz ein:
»Es war eine dunkle und stürmische Nacht.«

Damit fängt Snoopys Roman an; der Rest ist leider unbekannt. Jetzt sind Sie dran. Was ein Beagle anfängt, das bringen Sie doch wohl locker zu Ende. Sie können der Einleitung auch einen Nebensatz anhängen:
»Es war eine dunkle und stürmische Nacht, und ich wurde bei eBay überboten.«

Das ist doch der reinste Sprengstoff. Spannungsgeladener kann es gar nicht losgehen. Damit haben Sie die Leser sofort auf Ihrer Seite. Als erzählende Figur stellen Sie sich am besten Jack Nicholson vor, bei dem ist alles möglich. Nun aber ran ans Werk.

Anschließend beschäftigen Sie sich mit Ihrem Text. Die Gedanken waren bestimmt flüssig und schlüssig, aber geschrieben sieht der Entwurf nun doch etwas holperig aus, stimmt's? Es geht ans Verbessern: kürzen, erweitern und umschreiben. Dabei fällt leider so manche lieb gewonnene Formulierung unter den Tisch und ganze Absätze passen plötzlich in einen kurzen Satz.
So ist das mit dem Schreiben. Es steckt viel Arbeit darin: schließlich muss der Text passen.

Sie vermuten vielleicht, dass die Pflicht zu schreiben Ihnen den nötigen Respekt vor einem Text vermitteln soll. Das wäre ein zu frommer Wunsch, denn als Leser (siehe: die Pflicht zu lesen) wissen Sie, dass es einfach zu viel Geschriebenes gibt, bei dem man sich das Lesen schlicht abgewöhnen kann.

Der Zweck dieser Pflicht liegt vielmehr darin, dass Sie als Typograf einen Text beherrschen müssen. Sie werden immer mal wieder Texte erhalten, die in eine bestimmte Form passen sollen - nur freiwillig tun sie's eben nicht. Aber dafür sind Sie ja da. Und dann können Sie zeigen, was in Ihnen steckt.

Schrecken Sie nicht davor zurück, einem Text die überflüssigen Füllwörter zu rauben. Manchmal hilft es schon, einen Satzbau zu verändern, um ihm einen besseren Zeilenfall zu verschaffen. Wenn Sie mit anderen Mitteln nicht weiterkommen (Laufweite, Schriftgröße usw.), dann ist der Text selbst das Mittel - und kein Problem für einen geübten Schreiber.

Auf diese Weise haben schon vor hundert Jahren die Schriftsetzer erfolgreich ihre Arbeit verrichtet. Sie können also unbesorgt sein: schließlich muss der Text passen. Im doppelten Sinn. Die Lektoren dieser Welt wissen das auch. Einem geübten Lektoren würde es übrigens nicht schwer fallen, »Die Abenteuer von Tom Sawyer« so lange zu bearbeiten, bis sie auf die Rückseite einer Cornflakes-Packung passen.

Es versteht sich von selbst, dass diese Pflicht nicht für alle Texte gilt; juristische und ähnlich empfindliche Schriften bleiben tunlicht unangetastet. In solchen Fällen erheben Sie Einspruch und fordern mehr Seiten an.

Andere heikle Texte begegnen Ihnen bei der Pflicht ausgeschlafen zu sein. Aber hier geht es in der Reihenfolge weiter mit der Pflicht leidenschaftslos zu sein.



Autor: Frank Baranowski, 2008.