Die zehn Pflichten des Typografen
Zweitens: Die Pflicht zu lesen
Lesen Sie alles. Ausnahmslos. Lesen Sie Belletristik, lesen Sie Sachbücher. Und lesen Sie Gebrauchsanleitungen, Waschzettel, Packungsbeilagen und Eintrittskarten. Lesen Sie - und lesen Sie alles durch. Lesen Sie die Handbücher, die mit Ihrem Computer ausgeliefert werden, und lesen Sie auch die Lizenzvereinbarungen. Lesen Sie einfach alles. Hinter jedem Text steckt ein Schreiber.
Die Pflicht zu lesen schlägt Sie zwangsläufig auf die Seite des Lesers, dem alles mögliche vorgelegt wird. Wenn er sich davon abwendet, liest er unweigerlich etwas anderes, und wenn er seine Augen verschließt, dann verpasst er die Haltestelle, an der er aussteigen wollte. Aber egal, was er anstellt, er kann eh nicht aussteigen: überall und immer wieder warten Nachrichten auf ihn. Denn es wird viel Aufwand betrieben, damit er die Informationen überhaupt wahrnimmt.
Natürlich hat der Leser auch Rechte (siehe Daniel Pennac). Das erste Recht des Lesers ist das Recht nicht zu lesen; folglich versucht jeder Schreiber, uns gerade von diesem Recht abzubringen. Dabei ist dieses Recht der pure Luxus, denn wir verzichten höchstens auf Freizeitliteratur und natürlich auf die Lektüre wichtiger Dokumente am Arbeitsplatz, die uns zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. In diesem Fall machen sich übrigens drei Arten von Ungern-Lesern bemerkbar:
- der Überflieger (»Hab's überflogen ...«),
- der Anleser (»Hab's angelesen ...«)
- und der Überhauptnichtleser (»Ich bitte Sie. Ich hab den Tisch voller Arbeit«).
Aber das Wichtigste für Sie ist gegenwärtig eben die Pflicht zu lesen. Überfliegen Sie nichts, sondern lesen Sie alles durch bis zum letzten Wort, bis zum letzten Zeichen; buchstabieren Sie den Text wie ein Korrektor und Sie werden Fehler finden; setzen Sie den Text wieder zusammen und Sie werden seine Ungereimtheiten entdecken. Kein Text ist das, was er vorgibt zu sein.
Es gibt Vielleser und es gibt Wenigleser, aber Sie sind momentan ein Allesleser: Postwurfsendungen, Schweinebauchanzeigen, Joghurtbecher, Spam-Mails, Blogs ...
Sagen Sie voller Stolz: »Ja, ich bin ein Cornflakes-Packung-Durchleser!«
Sie haben Berge an Informationen hinter sich, Sie haben heldenhaft alles überstanden, wozu Schreiber fähig sind. Sie wissen, dass nur ein Bruchteil der täglichen Informationen lesbar, durchlesbar und verkraftbar ist. Wie viel mehr aber wird an Unleserlichem auf die gepeinigte Leserschaft abgeladen? Schon die Tagespresse bringt es kaum fertig, verständliche Satzgefüge zu bilden.
Und der Typograf als Leser wird sogar doppelt gepeinigt, denn außer dem Text sieht er auch der typografischen Ausstattung ins Antlitz, und das ist nur selten ein schöner Anblick. Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob da niederträchtige Kollegen am Werk waren, die uns im allgemeinen und im besonderen einfach nur quälen wollen. Nicht wahr? Das können wir doch alle besser.
Der Leser, der Bemitleidenswerte, wird ständig aufs Neue herausgefordert, den tatsächlichen Inhalt herauszulesen und das verschwenderische Beiwerk zu überlesen. Er zieht stets den Kürzeren: liest er den Vertrag durch, dann opfert er etliche seiner Lebensminuten nutzlos, liest er den Vertrag jedoch nicht durch, dann kann ihn der spätere Ärger wesentlich mehr kosten.
Der Leser ist eindeutig der Unterdrückte, der Underdog. Er ist das letzte Glied in dieser Kommunikationskette und damit das Opfer, denn er kann sich kaum schützen.
Wenn Sie das übertrieben finden, dann haben Sie Ihren Berg an Pflichtlektüre noch nicht abgetragen. Machen Sie dort weiter. Alle anderen fahren fort mit der Pflicht zu schreiben.
Autor: Frank Baranowski, 2008.