Die zehn Pflichten des Typografen
Erstens: Die Pflicht, sich einig zu sein
Diese Pflicht fordert vom Typografen zunächst die umfassende Kenntnis der typografischen Regeln und Gepflogenheiten, die sich im Laufe der Jahrhunderte als nützlich erwiesen haben.
Es bedeutet, dass Sie um die Verhältnisse von Schriftgröße zu Zeilenbreite (oder Zeilenlänge) und Zeilenabstand und wieder retour Bescheid wissen.
Blocksatz und Flattersatz sind Ihnen geläufig, Schusterjungen und Hurenkinder keine Fremdwörter für Sie. Sicher in der Kalkulation des Seitenumfangs behalten Sie auch bei umfangreichen Publikationen den Überblick und leisten unter Termindruck beste Qualität.
Sie beherrschen die (neue) deutsche Rechtschreibung, haben eine flotte Schreibe und eine schnelle Auffassungsgabe.
Als Gestalter im Kommunikations-Design sind Sie ein aufgeschlossener und motivierter Team-Player.
Erwartet wird ein abgeschlossenes Grafik-Design-Studium, das Sie idealerweise mit ausgiebigen Praktika in Schriftsatz und Lektorat ausgebaut haben.
Sollten Ihnen bereits jetzt gewisse Zweifel aufkommen mit dieser Lektüre fortzufahren, dann sind Ihre Zweifel durchaus berechtigt. Typografie ist nichts für zwischendurch: lassen Sie die Finger davon.
Ziemlich harter Anfang, nicht wahr? Musste aber sein, um alle Möchtegerne und Gelegenheitsleser zu vertreiben. Nun, da wir unter uns sind, sollten wir versuchen, die Anforderungen aufzudröseln.
Der moderne Typograf bearbeitet drei Bereiche, die vereint ans Werk gehen: deshalb ist er gleichzeitig Typograf, Setzer und Korrektor. Die Computertechnologie hat die ehrwürdige Arbeitsteilung aufgehoben und dem Typografen einen Stapel Mehrarbeit aufgebrummt. Das hat auch seine Vorteile. Zu oft kam es vor, dass Sie einem Setzer (wiederholt) beibringen mussten, wie er seine Arbeit machen sollte. Da kann man auch gleich selbst setzen und spart sich die Belehrungen.
Allerdings schlagen nun drei Seelen in Ihrer Brust: der Typograf in Ihnen hat genaue Vorstellungen, die dem Setzer in Ihnen gewisse Schwierigkeiten bereiten; und dann mischt sich auch noch der Korrektor in Ihnen ein ...
Sie fangen an Stimmen zu hören und Sie gehen sogar darauf ein: Sie diskutieren und argumentieren; Sie bevormunden sich, Sie fallen sich sogar ins Wort (und das in aller Öffentlichkeit), und von nun an müssen Sie tüchtig aufpassen, wer in Ihnen das Sagen hat, und dass Sie sich schließlich dennoch einig sind.
Mit wenigstens drei Fachgebieten in einer Person ist auch dreifaches Wissen vonnöten. Das erscheint unmenschlich, ist aber nicht unmöglich: eine ganze Reihe von Kollegen schafft das, also strengen Sie sich gefälligst ein bisschen an. Immerhin wollen Sie mit dieser Arbeit Ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Die Arbeit des Setzers sollte Ihnen geläufig sein: entweder sind Sie alt genug, um seinerzeit Setzer geknechtet zu haben, oder Sie sind jung genug, um ein Satzprogramm zu beherrschen, das Ihnen die meiste Arbeit fast automatisch abnimmt.
Die Arbeit des Korrektors sollte Ihnen ebenfalls geläufig sein, denn Rechtschreibung und Grammatik Ihrer Muttersprache haben Sie bereits in der Grundschule gelernt. Es mangelt auch nicht an entsprechender Fachliteratur, um klaffende Lücken in der gebrochenen Sprachbiografie aufzufüllen. Erschwerend kommt vielleicht hinzu, dass ein guter Korrektor auch stilistische Fehler verbessert. Das erfordert gute Sprachkenntnis und Gefühl für einfache, verständliche Sprache (siehe: Die Pflicht zu schreiben).
Eignen Sie sich möglichst viel Wissen an, aber geben Sie damit nicht an. Kein Schreiber wird sich je für den Setzer oder den Korrektor in Ihnen interessieren. (Beide sind zu werktätig, der Letztere zudem besserwisserisch.) Gefragt ist allein Ihre typografische Kompetenz! Sie sind der Herr der Typen, der Macher.
Nun haben Sie Ihre Ansprüche vielleicht nicht ganz so hoch angesetzt und Sie empfinden sich doch eher als moderner Dienstleistungssklave. Immerhin leben wir im Computerzeitalter: neuerdings darf sogar jeder Zivilist setzen und typografieren, wie es ihm beliebt. (Und er tut es auch noch!) So betrachtet, scheint es zu genügen, ein Quentchen mehr als andere zu wissen und dies dann anzuwenden.
Aber so bescheiden dürfen wir nicht sein, auch wenn gerade dieser Mangel an Anspruch viel zu oft vorherrscht. Denn Typografie bedeutet mehr als Setzerei; auch mehr als Lesbarkeit, Ästhetik und Kreativität. Sie bedeutet, aus einem Text eine Nachricht zu bilden, und das setzt voraus, dass wir ausreichend gebildet sind, um diese Aufgabe fachgerecht zu erledigen.
Bekennen Sie sich zu Ihren Pflichten; das war grad die erste. Weitere Pflichten warten auf Sie und die nächste ist die Pflicht zu lesen.
Autor: Frank Baranowski, 2008.