Typografie - darf's ein bisschen mehr sein?

Typografie, nämlich sichtbare Textgestaltung, bemüht sich darum, ein Manuskript in eine (angenehm) erfassbare Form zu bringen. Der Typograf bedient sich der typografischen Mittel wie Schriftart und Schriftgrad (oder -größe), Zeilenabstand (Durchschuss), Satzspiegel usw. Er zeichnet den Text aus durch Überschriften, Zitate, Seitentitel, Fußnoten, Initialen usw. Dadurch erhält der Text im allgemeinen ein Aussehen, das dem Leser die Informationsaufnahme erleichtert.

Kalligrafie, die Kunst der Schönschrift, befasst sich damit, einen Text zu verschönern. Die Schönschreiber haben eine gut leserliche, ausgeglichene Handschrift. Sie verzieren die Texte durch geschwungene Anfangs- und Endbuchstaben. Initialen, Illustrationen und Ornamente geben der Seite den letzten Schliff. Dadurch wird der Text zu einer besonderen und einzigartigen Textseite, die schon einen bildhaften Charakter aufweist.

Man könnte es zusammenfassend vielleicht so formulieren: die Typografie hält sich vornehm zurück, um den Text appetitlich zu servieren, die Kalligrafie deckt eine opulente Tafel, an der man sich sattsehen kann, ohne die Speisen zu berühren.

So weit, so gut. Und schön, wenn es wirklich so einfach wäre. (Mal abgesehen davon, dass jahrhundertealtes Kulturgut kaum in drei Absätzen beschrieben werden kann.) Denn so einfach ist es nicht: europäische Schriftgestaltung unterscheidet sich z.B. von asiatischer Schriftgestaltung und auch die Kalligrafie ist so vielfältig wie die Menschheit. Variationen noch und nöcher! Ständig neue Erfindungen auch in diesem Bereich. Das ist schon mühselig für den Leser, der sich erneut an das Aussehen des Textes gewöhnen muss, obwohl er doch nur den Text selbst erfassen möchte. Andererseits: lieber etwas Abwechslung als Uniformität. Wer möchte schon einen Global Player Typografie oder eine Supermacht Kalligrafie? Na bitte! Und alle typografischen Tendenzen haben schließlich eines gemein: die Nachricht des Textes ansprechend zum Leser zu befördern.

Motiv Bodies, Beispiel experimenteller Typografie

Nun können die typografischen Mittel aber auch so eingesetzt werden, dass der Leser über den Text regelrecht stolpert. Hoppla! Wir haben doch mittlerweile einige Routine entwickelt, die Information aus den Textkleidern herauszulesen. Aber was bremst denn hier unsere Lesebereitschaft? Zeichen stehen dicht gedrängt oder weit entfernt voneinander; fette und extrafette Schriftarten bedrängen magere; schreiende große gegen unleserlich kleine Zeichen; gestürzte, gespiegelte, gestauchte Zeilen! Das sind nur einige Spielarten, die typografische Experimente ausmachen. Nun steht der Text als Information nicht mehr im Vordergrund; der Typograf hat ihm seinen Stempel aufgedrückt, er benutzt den Text, um sich selbst in den Vordergrund zu bringen: »Naaa? Hab ich das nicht TOLL zubereitet? Ist das ALLes nicht KLASSE ser-VIERT?!!!« Das ist natürlich kein 5-Gänge-Menü im Restaurant, sondern Hausmannskost, deftig zubereitet. »Nun langen Sie man tüchtig zu! Oder schmeckt's Ihnen etwa nicht?« Sicher: Sie können das Essen verweigern oder kommentarlos zurückgehen lassen, aber seien Sie mal ehrlich: ist das nicht wesentlich abwechslungsreicher als den zehntausendsten Hamburger aus dem Papier zu wickeln?

Motiv ira furor brevis est, Bildausschnitt, Beispiel experimenteller Typografie

Auch die Kalligrafie hat andere Formen angenommen. (Möglicherweise haben Sie die obige Beschreibung schon stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen.) Kalligrafie beinhaltet mittlerweile nicht mehr nur Schönschrift, sondern auch ausdrucksstarke Schrift. Die gezierte Handschrift, dezent garniert, bekommt Gesellschaft durch schroffe, flüchtige, gepinselte oder gekratzte Aussagen; subjektive Zeichen, die den Schreiber sichtbar machen. Die Verzierung mutiert vom Beiwerk zum Bollwerk, oder will sie den armen Text gerade verschlingen? Auch der kalligrafische Koch zieht sich nicht zurück: stolz setzt er Sie an die randvolle Tafel, und Sie hören sich schüchtern fragen: »Kann ich davon etwas essen oder gehört das alles zur Dekoration?«

Standards und Experimente sind immer unterschiedlich, aber nicht grundverschieden. Experimente können nur auf Standards aufbauen und sie in Frage stellen. Experimente in der Typografie können frech oder verwegen sein, sie können brüskieren, verunsichern und sogar abweisen. Kontrovers sind sie oftmals, destruktiv manchmal - und wenn auch viele davon in Vergessenheit geraten, einige Ansätze bleiben doch erhalten und fließen mit ein in eine andere Art der Lesbarkeit.

Die technische und kulturelle Entwicklung ermöglicht es, dass tagtäglich immer mehr Informationen produziert werden können. Lies mich! Sieh mich! Hör mich! Es ist schon etwas schriller geworden, wenn es um Informationen und Unterhaltung geht. Vielleicht wird deshalb opulenter serviert: »Darf's ein bisschen mehr sein?« Letztlich entscheidet der Leser, welche Informationen er aufnehmen möchte. Der eine speist gern gepflegt, der andere bevorzugt den Stehimbiss, der eine mampft bei der Arbeit, der andere wiederum kann nur in der heimischen Küche genießen. Die Spielarten der Nahrungsaufnahme sind ebenso umfangreich wie die Spielarten der Textdarstellung. Und was die typografischen Experimente angeht: Haben Sie nicht manchmal auch so einen richtigen Heißhunger und veranstalten eine Fressorgie?


Autor: Frank Baranowski, 2003.