Typografie und Kommunikation
Erstaunlicherweise wird Typografie nur am Rande (wenn überhaupt) der Kommunikation zugeordnet. Es erscheint so, als versuche man das Auto zu beschreiben (»hat vier Räder«, »kann um Kurven fahren«), ohne seine hauptsächliche Eigenschaft als Verkehrsmittel zu benennen. Gestaltende Typografie wird auf Texte angewandt; Texte beinhalten Nachrichten, die von einem Sender an einen Empfänger gerichtet sind: das ist Kommunikation, grob gesagt.
Wikipedia äußert sich neben vagen Allgemeinplätzen wie: »Typografie soll Inhalt, Zweck und Anmutung eines Werkes verdeutlichen« wenigstens dahingehend, dass Typografie »die visuelle Erscheinung eines gestalteten Werkes mit dessen Inhalt (Botschaft) in Einklang zu bringen versucht« (Hervorhebungen von mir). Dies ist ein deutlicher Hinweis auf den Kommunikationsauftrag.
Das Typeforum äußert sich dagegen abfällig über die »Mittel zur Erreichung der Aufmerksamkeit«. Typo-Info schreibt nichts von visueller Gestaltung und auch Desig-n.de erwähnt nur Textgestaltung. Typografie.info enthält sich jeder Aussage, aber das Typolexikon erwähnt »visuelle Gestaltung« und »Betrachtungs- und Lesegewohnheiten«. Im gleichen Beitrag erfahren wir dort sogar, dass bereits Moholy-Nagy von einem »Medium der Kommunikation« sprach.
Es ist nicht schwierig, gestaltende Typografie als Teil der visuellen Kommunikation zu betrachten: gestaltende Typografie kann nur auf Texte angewandt werden, das ist ihr Aufgabengebiet. Ihre Arbeitsmittel, die typografischen Mittel, betreffen ausschließlich das sichtbare (visuelle), eben grafische Aussehen eines Textes zum Zweck der Nachrichtenübertragung, und so befinden wir uns im Bereich der »Visuellen Kommunikation«.
Visuelle Kommunikation, Bildsprache, bedient sich verschiedener syntaktischer Mittel (aus den Bereichen Form, Helligkeit, Farbe, Material und Bewegung) und stellt Zeichen zueinander in Bezug, indem sie z. B. Ordnungsfaktoren wie Ortslage, Richtung, Abstand, Menge und Maß einsetzt. Nichts anderes macht die Typografie, denn sie erzeugt visuelle Zeichen z. B. mit Schriftart, Farbe, Abständen.
Wenn man Typografie mit Schriftgestaltung oder Textgestaltung definiert (wie es leider häufig der Fall ist), dann erzeugt man gleichzeitig großen Erklärungsbedarf. Der Text besteht aus Schriftzeichen (in Westeuropa ist es die Lateinschrift); Typografie bedient sich aber nicht schriftlicher, sondern grafischer Zeichen: selbst die Schriftart ist nur die grafische Darstellung der Schrift (z. B. Lateinschrift). Typografie verändert also ausschließlich die sichtbare, bildhafte Darstellung eines Textes, den Text selbst verändert sie nicht.
Der Text als solcher ist vom Autoren (Sender) vorgegeben: er bedient sich sprachlicher Mittel (Codes wie Ansprache, Vokabeln, Satzbau) und erzeugt damit eine innere Gestaltung des Textes, dessen Nachricht er übermitteln will. Darüberhinaus gibt er dem Text eine äußere Gestaltung, indem er formale Mittel anwendet wie Überschriften, Absätze, Zwischenüberschriften (Ordnungsfaktoren).
Der Begriff Textgestaltung beinhaltet also drei Bedeutungen:
- innere Gestaltung (z. B. Ansprache, Vokabular) durch Autor
- äußere Gestaltung (z. B. Gliederung, Ordnung) durch Autor
- äußere Gestaltung (z. B. Schriftart, Farbe, Form, Ordnung) durch Typograf
Man könnte sagen, der Typograf als visueller Gestalter arbeitet nur zufälligerweise mit Text. Im Grunde handelt es sich beim Text um lineare Formen, deren Bildhaftigkeit er verändern soll.
In der Kommunikationstheorie wird recht erfolgreich untersucht, welche Zeichen (und -repertoires) der Sender benutzt, um eine schriftliche Nachricht über einen bestimmten Kanal an den Empfänger (hier: Leser) zu übermitteln. Dabei wird auch untersucht, welche Störungen in diesem Kommunikationsprozess auftreten können, die letztlich den Empfang der Nachricht beeinträchtigen.
Die visuelle Kommunikation verwendet ebenso Zeichen (und -repertoires) und wird grundsätzlich auch mit allen Mitteln der Kommunikationstheorie untersucht. Im grafischen Breich (und gebrauchsgrafischen wie Werbung) ist es seit langem üblich, diese Untersuchungen anzustellen. Im typografischen Bereich (und die Typografie kann nur ein Teilbereich des Grafik-Designs sein) blieb es bisher weitgehend unterlassen.
Das mag ein Grund dafür sein, dass die Typografie immer noch textbezogen (z. B. Mikrotypografie) und mediumsbezogen ( z. B. Buch, Screen) betrachtet wird. Eine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung ist es jedoch keinesfalls. Solange Typografie (gestaltende und theoretische) nicht im kommunikations- und zeichentheoretischen Rahmen besprochen und diskutiert wird, kann es keine gewinnbringenden Erkenntnisse auf analytischer Basis geben.
Autor: Frank Baranowski, 2011.