Anmerkungen zum Begriff Typografie
- Gebräuchliche Begriffsbestimmungen
- Beispiel: Eintrag »Typografie« (Typolexikon)
- Beispiel: »Qualitätskriterien für gute Typografie« (Forum Typografie)
- Beispiel: »Zehn Gebote zur Typographie« (Kurt Weidemann)
- Schlussbemerkung
Der Begriff Typografie ist geschichtlich eng mit der Entwicklung des Buchdrucks verbunden und umfasste verschiedene Arbeitsschritte und Techniken zur Gestaltung gedruckter Texte (vorwiegend Hochdruck). So wurden nicht nur Schriftsetzer, sondern auch Buchdrucker, Stempelschneider und Schriftgießer mit Typografie in Verbindung gebracht.
Nun hat sich der Begriff in den letzten einhundert Jahren inhaltlich verändert, u. a. bedingt durch weitere Drucktechniken und fachliche Ausübung, d. h. auch Gestalter und Künstler beschäftigten sich zunehmend mit Gestalt und Funktion der Typografie, so dass man sagen kann: der Begriff Typografie ist nicht mehr an die ursprüngliche Herstellung (Druck) gebunden, sondern zunehmend mit dem Arbeitsprozess der Gestaltung.
Heutzutage wird der Begriff in den unterschiedlichsten Zusammenhängen benutzt, u. a. weil neue Kommunikationsmittel wie World Wide Web und andere digitale Medien und Darstellungsarten wie animierter Text dazu führten, dass der Begriff nicht mehr nur in Fachkreisen, sondern auch in der Allgemeinheit zunehmend verwendet wird.
Und hiermit wird der Mangel an einer gültigen Definition deutlich. Die zunehmende Informationsverbreitung im World Wide Web bringt auch verschiedene Veröffentlichungen zum Begriff Typografie hervor, die jedoch in der Summe inhaltlich als unzureichend, sogar irreführend und falsch bewertet werden müssen.
Nun kann man von der allgemeinen Öffentlichkeit kaum erwarten, aus einer Vielzahl widersprüchlicher Aussagen eine gültige Definition herauszuziehen, aber man kann durchaus erwarten, dass Fachleute aus Berufen und (Aus-)Bildung konkrete und übereinstimmende Aussagen zum Begriff Typografie treffen.
Sehr bedauerlich ist es, dass für die nachstehend aufgeführte Bestandsaufnahme keine öffentlich zugänglichen Texte aus den Fachbereichen der Hochschulen zu finden waren.
Gebräuchliche Begriffsbestimmungen
Wollte man die gebräuchlichsten Begriffsbestimmungen von Typografie zusammenfassen, dann ergäbe sich eine sehr verschwommene Definition, die außerdem auch auf Falschaussagen beruhte. So finden sich in verschiedenen Quellen folgende Aussagen, in Stichworten zusammengefasst:
- Wikipedia:
- Kunst des Druckens
- Abgrenzung zur Handschrift (lt. Medientheorie)
- Gestaltungsprozess
- Typeforum:
- Gestaltung von Drucksachen mit Schriftzeichen
- Ünterstützung des Leseflusses
- Textorientierung
- Typo-Info:
- Lehre von der Form und Gestaltung von Schriftzeichen
- Gestaltung von Druckwerken durch Texte
- Lehre von den einzelnen Buchstaben, Zusammenfügung einzelner Buchstaben, Wörter, Sätze usw.
(Anmerkung: dies trifft auch auf den Schreibunterricht der ersten Grundschulklasse zu) - Grundelemente der Textgestaltung im Gegensatz zum Layout
(Anmerkung: damit wird Makrotypografie ausgeschlossen)
- Desig-n.de:
- Lehre von der Form und Gestaltung der Schriftzeichen
- Darbietung von Text auf verschiedenen »Oberflächen«
- Lehre von den einzelnen Buchstaben, Zusammenfügung einzelner Buchstaben, Wörter, Sätze usw.
(Anmerkung: dies trifft auch auf den Schreibunterricht der ersten Grundschulklasse zu) - Grundelemente der Textgestaltung
(Anmerkung: Typograf wird in dieser Quelle erläutert mit »andere Bezeichnung für Schriftsetzer«)
- Typografie.info:
- (»Das Portal zu Schrift und Typografie mit TypoWiki und TypoForum«) führt weder eine Aussage zu Typografie noch zu Typograf an
- ITWissen.info:
- Darstellung eines Schriftbildes
- Gestaltung von Texten
- Textumbruch
- Forum Typografie:
- (»Da werden Sie Augen machen!«) führt weder eine Aussage zu Typografie noch zu Typograf an, hat dafür »Qualitätskriterien für gute Typografie« aufgestellt. (Siehe unten.)
Erwähnt sei an dieser Stelle jedoch der Versuch einer modernen und kurzen Definition von Ralph Berger, nachzulesen bei Druckschriften.de. Berger sieht die bestehende Problematik, versucht sie aber auch nur mit bestehenden Fachbegriffen in den Griff zu kriegen.
Es hat den Anschein, als hinge der Begriff Typografie hilflos irgendwo zwischen seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich Bereiche der »Buchdruckkunst« betreffend, und der gegenwärtigen Anforderung, alle (typo-)grafischen Texterzeugnisse von manuell bis digital und von materiell bis virtuell in den Griff zu bekommen. Das Typolexikon ist der Ansicht, der Begriff habe »seine ursprüngliche Bedeutung gänzlich verloren«. Also auch die Eigenschaft der »formalen Gestaltung von Druckwerken«? (Siehe dort.)
Beispiel: Eintrag »Typografie« (Typolexikon)
Allein das Typolexikon versucht verschiedene theoretische und gestalterische Aspekte für den Begriff Typografie zusammenzufassen und unterscheidet für unsere gegenwärtige Situation folgende Bereiche:
- (zitiert nach Typolexikon)
- die Kulturwissenschaft und Lehre der historischen und neueren Schriftgeschichte, die Klassifikation von Druck- und Screenschriften sowie deren kunstgeschichtliche Zuordnung
- das Wissen über Betrachtungs- und Lesegewohnheiten
- die Lehre von der ästhetischen, künstlerischen und funktionalen Gestaltung von Buchstaben, Satzzeichen, Sonderzeichen und Schriften sowie deren Anwendungen in Druckwerken, in digitalen Medien und im dreidimensionalen Raum
- die Lehre, Sprache und Gedanken mittels maschinell bzw. digital reproduzierbarer Schriften sichtbar und den Anforderungen entsprechend optimal lesbar oder verständlich zu machen
- die visuelle Gestaltung eines Druckerzeugnisses, einer Multi-Media-Arbeit oder einer dreidimensionalen Oberfläche in der Art, dass Inhalt und Schrift sowie die Anordnung von Text und Bild ein optisch und didaktisch befriedigendes Ganzes ergeben
- die Kenntnisse von der handwerklichen, druck- und programmtechnischen Implementierung einer Schriftsatzarbeit «
»
Der Autor Wolfgang Beinert erläutert die Bereiche jedoch nicht weiter, auch finden sich keine entsprechenden Quellenangaben. Ob und inwieweit diese vorgeschlagene Unterteilung sinnvoll und vollständig ist, sei zunächst dahingestellt; sie ist sicherlich zu überprüfen. Ebenso die darauf folgende Gliederung der »gestalterischen Typographie«, die sich vermutlich auf den Oberbegriff »V. Visuelle Gestaltung« bezieht:
- (zitiert nach Typolexikon)
- Schriftgestaltung (Schriftentwurf, Type Design)
- Lesetypographie (Basistypographie)
- Gebrauchstypographie (Werbetypographie, Akzidenztypographie)
- Corporate Typography (Schrift als Element im Corporate Design sowie in Leit- sowie Informationssystemen)
- Kunsttypographie (Typo-Design)
- Web- und Screen-Typographie (Schrift auf digitalen oder holographischen Benutzeroberflächen)
- Animationstypographie (Typographie im Bewegtbild, Schrift in Bewegung, Schriftanimation)
- Plastische Typographie (Schrift im dreidimensionalen Raum) «
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Mit dieser wahllosen Auflistung erzeugt Beinert jedoch mehr Unklarheit als Klarheit. Auch diese Liste scheint nur ein Vorschlag zu sein und keinesfalls ein lexikalischer Eintrag, der nachweisbar durch Übereinkunft zustande gekommen wäre.
Im Folgenden sollen die Begriffsbestimmungen des Typolexikons kritisch betrachtet werden - dies erfolgt jedoch nur stellvertretend für die gebräuchlichen Aussagen zum Thema Typografie, die überhaupt öffentlich verbreitet werden.
Kritik an »I. Schriftgestaltung (Schriftentwurf, Type Design)«
Der erste Punkt »I. Schriftgestaltung (Schriftentwurf, Type Design)« wird in nahezu jeder Begriffsbestimmung Typografie aufgeführt, aber es scheint m. E. allgemein ein schwammiger Begriff zu sein. Im Typolexikon findet sich hierzu kein eigener Eintrag, jedoch wird von der Klassifikation von Druck- und Screenschriften gesprochen bzw. die Anwendung auf Druckwerke, digitale Medien [ ] beschränkt. Offensichtlich schließt dies jegliche manuelle Schriftgestaltung wie Kalligrafie, Graffiti, manuelle Stempel usw. aus. Auch bei Wikipedia und anderen Quellen findet sich kein Zusammenhang von Typografie und beispielsweise Kalligrafie.
Warum diese Einschränkung? Allein in der Gebrauchstypografie (z. B. Werbung) finden sich viele Beispiele aus genau diesen Bereichen, die einen Text mit entsprechenden Mitteln anreichern. Diese Möglichkeiten der visuellen Textgestaltung außer acht zu lassen, erscheint mehr als fahrlässig, um nicht zu sagen: überheblich.
Um den Begriff »Schriftentwurf/Type Design« zu untersuchen ist eine Unterscheidung nötig:
Der Gestalter einer Schriftart stellt zunächst lediglich Material für typografische Darstellung bereit, auch wenn er es im Hinblick auf seine spätere Verwendung entwirft. Aber er kann die Anwendung weder bestimmen, noch beeinflussen, noch verhindern.
Mit der Schriftart bezieht er zwar vermutlich Textgestaltung ein (indem er Anmutung, Erkennbarkeit, Laufweite und Kerning berücksichtigt), aber erst in der Anwendung, und zwar in jeder beliebigen Anwendung, kann die Schriftart als typografisches Mittel bewertet werden. Und dann ist es eher unerheblich, wie eine Schriftart erzeugt wurde (manuell oder digital); wichtig dagegen ist es, warum sie gestaltet wurde: die Schriftart beeinflusst das Textaussehen; die Auskleidung der Buchstaben ist ein syntaktisches Mittel.
In der Anwendung unterstützt die Schriftart die Nachricht im Sinne der Kommunikation, aber ohne Anwendung ist die Schriftart nur ein Zeichensatz, Material. So wie Holz für die Verarbeitung nur Material ist und erst die Anwendung zeigt, ob daraus ein bequemer Stuhl oder ein wärmendes Feuer geworden ist.
Kritik an »II. Lesetypographie (Basistypographie)«
»II. Lesetypographie (Basistypographie)« bezieht sich vermutlich auf (Mengen-)Satzgestaltung wie Buchtypografie, Lexika usw. (ursprünglich: Werksatz), bei denen eine allgemein gute Erfassbarkeit angestrebt wird. Das Typolexikon definiert diesen Begriff an dieser Stelle nicht weiter, auch fehlen Beispiele. (Bitte lesen Sie dort den Eintrag Lesbarkeit.)
Für Lesetypografie finden strenge mikro- und makrotypografische Regeln ihre Anwendung, wie es z. B. Tschichold in seiner Elementaren Typografie vorsah:
- wenig Schriftarten und -größen
- Auszeichnung/Hervorhebung durch Kursiv- und Halbfettstile
- Versalien nur als Ausnahme, dann aber gesperrt (Kapitälchen sind jedoch vorzuziehen)
Das Ziel lautet in diesem Fall u. a.:
- einfacher Lesefluss
- einfache Orientierung
- angenehmes, leicht erfassbares Schriftbild
Es ist unbedingt wichtig, die Bereiche und Anwendungen für Lesetypografie zu benennen, um z. B. Überschneidungen mit anderen Kategorien zu vermeiden. Denn basistypografische Kriterien könnten sich auch zumindest in den Bereichen »III. Gebrauchstypographie« und »IV. Corporate Typography« wiederfinden. Hier stellt sich dann gleich die Frage, worin der Unterschied eigentlich besteht, der übrigens häufig gemacht wird (geschichtlich bedingt), aber für die heutige Zeit nicht aktualisiert wurde.
Lesetypografie betraf ursprünglich den Buchdruck und meinte den Mengensatz für Fließtexte aller Art. Im Gegensatz dazu stand der Akzidenzsatz, Gelegenheitssatz, der alle weiteren typografischen Arbeiten umfasste: z. B. Geschäftsdrucksachen, Werbedrucksachen, Familiendrucksachen: also Drucksachen geringeren Umfangs; der Schriftsatz wurde in diesen Fällen nach Beendigung der Arbeit wieder zurücksortiert.
Die technisch bedingte Unterscheidung ist schon seit langer Zeit nicht mehr gegeben, auch erscheint fraglich, ob Lesetypografie überhaupt an ein Medium (wie Buch) gebunden ist oder ob sie nicht vielmehr die grundsätzliche, allgemein erfassbare Typografie meint (also optimale Erfassbarkeit einer Nachricht bezogen auf den Empfänger). Dann gilt Lesetypografie/Basistypografie aber ebenso für alle weiteren Kategorien, wenn auch vielleicht in unterschiedlichem Umfang: das heißt, dass Lesetypografie ein Maßstab für jede Typografie ist, aber keineswegs eine gesonderte Kategorie.
Für ihre Anwendung bleibt festzuhalten, dass Lesetypografie unbedingt versucht, mit wenigen typografischen Mitteln auszukommen (siehe oben), um eine weitreichende allgemeine Erfassbarkeit zu erzielen. Für alle weiteren typografischen Arbeiten gilt diese Einschränkung nicht unbedingt.
Kritik an »III. Gebrauchstypographie (Werbetypographie, Akzidenztypographie)«
Der Gebrauchstypografie (»III. Gebrauchstypographie (Werbetypographie, Akzidenztypographie)«) stehen im Gegensatz zur Lesetypografie wesentlich mehr typografische Mittel zur Verfügung: Die Werbetypografie kann sehr gewagte Gestaltungen eingehen, z. B. weil die Lesedauer oft wesentlich kürzer ausfällt, d. h. die Aufmerksamkeit muss schnell und für kurze Zeit erzielt werden, um die Nachricht zu übermitteln.
Beinert führt hier auch das Stichwort »Akzidenztypographie« an (siehe auch: Wikipedia), wozu für gewöhnlich auch die Geschäftsausstattung mit Visitenkarte und Briefbogen zählt, allerdings könnten diese Akzidenzen auch zu »IV. Corporate Typography« gehören. Beinert erläutert im Typolexikon weder Gebrauchstypografie, noch Werbetypografie; Beispiele fehlen. Der Begriff Akzidenz stammt lt. Typolexikon aus dem 19. Jahrhundert.
Die Teildisziplinen »II. Lesetypographie« und »III. Gebrauchstypographie« stellen die beiden hauptsächlichen Bereiche der allgemeinen Betrachtung dar, wie wir sie bereits aus vielen Fachpublikationen kennen.
Kritik an »IV. Corporate Typography«
Unklar erscheint »IV. Corporate Typography«, worunter auch Kommunikationsmittel wie Visitenkarte und Briefbogen usw. (Geschäftsausstattung) fallen, die aber genausogut in der Rubrik »III. Gebrauchstypographie« auftreten könnten. Und handelt es sich bei Corporate Typography nicht sogar um Basistypografie? Die Unterscheidungskriterien fehlen leider, Beispiele werden nicht aufgeführt.
Kritik an »V. Kunsttypographie«
Man könnte geneigt sein »V. Kunsttypographie« der Gebrauchstypografie zuzuordnen, weil die Auswahl der typografischen Mittel ebenso unbegrenzt ist. Vermutlich wird hier neben die Experimentelle Typografie (z. B. Dadaismus) auch Graffiti, Pop-Art u. ä. zu stellen sein. Der Unterschied zur Gebrauchstypografie scheint darin zu bestehen, dass Kunsttypografie individuelle, gestalterbezogene Arbeiten zur Selbstverwirklung schaffe, die nicht unbedingt anwendungsbezogen sind. Deutlich erscheint dieser Punkt nicht, zumal Merkmale nicht genannt werden.
Kritik an »VI. Web- und Screen-Typographie«
Die Teildisziplinen VI - VIII werden bei dieser Aufzählung schließlich aus einer ganz anderen Sicht betrachtet:
»VI. Web- und Screen-Typographie« bezieht sich auf Darstellungsmedien, womit zum ersten Mal das Unterscheidungsmerkmal des Darstellungsträgers auftritt. Wenn dieses Merkmal wichtig ist, z. B. in Bezug auf Wahrnehmung, dann sollte es generell in alle Kategorien aufgenommen werden.
Vermutlich soll hier ausdrücklich auf technische Einschränkungen oder Möglichkeiten hingewiesen werden: so war es lange Zeit nur bedingt möglich, typografische Vielfalt auf HTML-Seiten herzustellen, aber diese Einschränkungen gehören mittlerweile weitgehend der Vergangenheit an.
Auch technische Bedingungen verschiedener Display-Systeme (z. B. mit Leuchtdioden) verdienen sicherlich eine genauere Betrachtung, aber diese wie alle anderen Darstellungsträger sind insgesamt schließlich Medien, die ausnahmslos bei jeder Kommunikation betrachtet werden müssen.
Kritik an »VII. Animationstypographie«
»VII. Animationstypographie« führt das Unterscheidungmerkmal »bewegt« ein, in der Annahme, dass alle anderen Kategorien die Eigenschaft »unbewegt« haben, was jedoch nicht zutreffen muss.
Animation erfordert zunächst keine speziellen Schriftarten oder typografischen Gestaltungen; grundsätzlich kann jeder Text in jeder sichtbaren Erscheinung animiert werden. Wenn »Animationstypographie« spezielle Gestaltungsanforderungen meint, dann sollten sie benannt werden.
Bewegung ist eine syntaktische Eigenschaft, die auf jedes sichtbare Zeichen zutreffen kann. Bewegung ist nicht nur auf räumlich-zeitlichen Ablauf beschränkt, auch Scheinbewegung wie Unschärfe zählt dazu. Vielleicht soll »Animationstypographie« bestimmte Kriterien der Erfassbarkeit und Wahrnehmung umfassen, erläutert wird es jedoch an keiner Stelle.
Kritik an »VIII. Plastische Typographie«
Auch »VIII. Plastische Typographie« benutzt ein neues Unterscheidungsmerkmal, diesmal die Räumlichkeit, unter der Voraussetzung, dass sie andernfalls nicht vorkommt. Räumlichkeit kann übrigens Raum, sie kann aber auch Scheinräumlichkeit meinen. Für beide Möglichkeiten lässt sich untersuchen, wie Zeichen wirken (z. B. suggestiv/beeinflussend oder imperativ/erhaben), daher gilt dies auch für die Typografie; allerdings ohne Einschränkung auf bestimmte Schriftarten und Gestaltungen.
An diesem Beispiel soll die Räumlichkeit stellvertretend in Frage gestellt werden: die physische Ausdehnung trifft zunächst auf jede typografische Arbeit zu, auch wenn die dritte Dimension gleich Null ist. Ob erhaben, gänzlich flach oder aber vertieft unterscheidet erstmal nur ihre jeweilige Formqualität. Zu bestimmen gilt es, welches Mittel dazu führt und welcher Zweck damit verbunden ist. Anders gesagt: jede dreidimensionale typografische Arbeit kann grundsätzlich auch zweidimensional dargestellt werden: der Inhalt, der Text bleibt gleich. Zu untersuchen gilt es dann, welche syntaktischen Mittel zur Erzielung einer bestimmten Formqualität benutzt werden und warum sie benutzt werden (Pragmatik), um die Nachricht des Textes zu kommunizieren.
Die Unterscheidungsmerkmale müssen sich daher auf jede typografische Arbeit beziehen, und zwar nicht nur in Bezug auf Darstellung und Verwirklichung, sondern auch in Bezug auf Sender, Nachricht und Empfänger.
Abschließende Bemerkung: Sieht man davon ab, dass das Typolexikon für die gestalterische Typografie so gut wie keine Beispiele oder Nachweise erbringt, muss diese Kategorisierung auch aus einem anderen Grund als willkürlich bezeichnet werden:
- I betrifft typografisches Material
- II betrifft grundsätzliche Erfassbarkeit von Text
- III - IV betreffen verschiedene kurz- oder langlebige Anwendungen
- VI - VIII betreffen verschiedene Medien und Darstellungsarten
Beispiel »Qualitätskriterien für gute Typografie« (Forum Typografie e. V.)
Das »Forum Typografie e. V.« bietet typografisch Interessierten die Möglichkeit zum kollegialen Informationsaustausch. Leider ist die Website wenig informativ, so steht das Diskussionsforum Typoloquium nur registrierten Benutzern zur Verfügung. Die allgemeine Öffentlichkeit erfährt hier kaum etwas über Typografie.
Das »Forum Typografie e. V.« hat »Qualitätskriterien für gute Typografie« zusammengestellt und empfiehlt Typografierenden diese Qualitätskriterien zu benutzen. Dahinter steht der Gedanke, dass der Typografierende seine Arbeit von Idee bis Umsetzung z. B. gegenüber Kunden begründen kann.
»Das Kuriose ist« (um Andreas Maxbauer falsch zu zitieren), dass es auch im Forum Typografie (Tagline: »Da werden Sie Augen machen!«) keine Definition von Typografie als solcher gibt. Wenden wir uns daher »guter Typografie« zu. Die Verfasser setzen voraus, dass es sich hierbei um gestaltende, also angewandte Typografie handelt.
Bereits in der Einleitung wird von guter Typografie verlangt, dass sie »die Erfordernisse im Sinne
optimal« erfülle.
In auffälliger Weise wird hier auf eine Unterscheidung von Medien und Anwendungen verzichtet; im gesamten Dokument ist nicht die Rede von Lesetypografie und Akzidenzen, keine Unterscheidung von Print und Screen. Dagegen wird die Rolle (und Verantwortung) der Typografie im Kommunikationsprozess festgelegt (siehe Zitat: Aufgabe, Inhalt, Betrachter).
Wiederkehrend ist der Empfängerbezug: »optimale Ansprache der Zielgruppe(n)«, »zielgruppenrelevante Rezeptionsgewohnheiten« und den »Zielgruppe(n) angemessen«. Wohlwollend betrachtet, ergibt sich das Kommunikationsmodell, auch wenn der Begriff Kommunikation nicht verwendet wird.
Die allgemein gehaltenen Kriterien könnten hervorragend für alle erdenklichen Kommunikationsvorgänge und Nachrichten gelten: vom Geschäftsbericht eines Konzerns bis zum Faltblatt für ein Gothic-Event; von der Wortmarke für ein Geldinstitut bis zum Graffiti-»Writing«; vom Chefterminer bis zum Hello-Kitty-Kalender; vom Flughafen-Leitsystem bis zur Speisekarte am Schnellimbiss. All dies und noch mehr betrifft (gute) Typografie, ausnahmslos.
So weisen die »Qualitätskriterien« ausdrücklich auf »viele kulturelle Ausdrucksformen« hin, wobei »Stilkenntnis und Stilsicherheit« auch dem »atmosphärischen Umfeld gerecht« werden sollen; eben »ihrer Zielgruppe(n) angemessen«.
Aber an anderen Stellen heben die »Qualitätskriterien« doch wieder typische Allgemeinplätze der Basistypografie hervor (in kommentierten Stichworten):
- »Lesbarkeit und Leserlichkeit«
(bezogen worauf: Sachbuch oder Graffiti?) - »Verwendung der fachlich richtigen Satzzeichen«
(ein Gestaltungsmittel könnten falsche Satzzeichen sein, z. B. als Autorenvorgabe) - »Verwendung qualitätsvoll hergestellter Schriften mit vollständigen Zeichensätzen
Kapitälchen und Minuskelziffern«
(gilt diese strenge Einschränkung auch für das Faltblatt zum Gothic-Event?) - »Streben nach dem Optimum an Ästhetik«
(wird die Ästhetik eines Underground-Magazins anerkannt?)
Beispiel: »Zehn Gebote zur Typographie« (Kurt Weidemann)
Der Designer Kurt Weidemann verfasste »Zehn Gebote zur Typographie«, nachzulesen bei der AGD: Plakate als PDF im Hoch- und Querformat. Weidemann bezieht sich hier auf gestaltende Typografie als solche; dabei geht er von Annahmen und Voraussetzungen aus, die sich jedoch nur auf einen Teilbereich von Typografie beziehen können, daher ist der Titel »Zehn Gebote« eher anmaßend zu werten. Im Folgenden sollen die zehn Punkte näher betrachtet werden; zunächst aber in Stichworten:
- »Typographie ist die Kunst des feinen Maßes«
- »Typographie ist eine Dienstleistung«
- »Ihre schönsten Formen schon vor Jahrhunderten«
- »Kaum zu verändernder Zeichenvorrat«
- »Logisches Denken und psychologisches Wissen«
- »Typographie ist Umweltschutz der Augen«
- »Typographie strukturiert Information«
- »Typographie bildet durch Schrift«
- Kein »Stilfanatismus«
- »Regeln und Meister kapieren«
Kritik an 1. »Typographie ist die Kunst des feinen Maßes«
Weidemann beschreibt sie nur in wenigen Worten als Mitte zwischen »Zuwenig und Zuschwach« und »Zuviel und Zustark«. Dieses Maß ist jedoch nur messbar über ein Geschmacksempfinden, d. h. persönliches Empfinden; und das liegt beim jeweiligen Gestalter und Betrachter.
Gemeint ist vermutlich angemessene Gestaltung bzw. Maßhaltigkeit; maßvoll wäre es aber gewesen, wenn sich Weidemann nicht auf eine »Kunst«, sondern auf notwendiges Lernen von Maßen und Maßverhältnissen bezogen hätte, die sich auch gut mit Beispielen belegen lassen.
Kritik an 2. »Typographie ist eine Dienstleistung«
Weidemann definiert Typografie als »Kunst, von sich selbst einmal absehen zu können«. Es drängt sich die Frage auf, warum er dies für erwähnenswert hält. Grafik-Design (mit seinem Teilgebiet Typografie) ist grundsätzlich eine Dienstleistung für einen Auftraggeber, Nachrichten für eine bestimmte Anwendung sichtbar zu gestalten: wenn sich der Designer dabei in den Vordergrund drängt, gefährdet er womöglich den Kommunikationserfolg.
Kritik an 3. »Ihre schönsten Formen schon vor Jahrhunderten«
»Typographie hat schon vor Jahrhunderten ihre schönsten Formen gefunden«.
Pause. Bitte mal darüber nachdenken.
Vor Jahrhunderten betraf Typografie vorwiegend Buchgestaltung, ihre Gestalter waren Kinder ihrer Zeit, wie wir es heute in unserer Zeit sind. Bezogen auf alle möglichen typografischen Gestaltungen, die wir heutzutage und künftig bewältigen müssen (unter Berücksichtigung vieler Medien, Informationsflut und sich ändernder Lesegewohnheiten) erscheint seine Behauptung einfach ungeheuerlich.
»Gebote und Regeln«, die nicht weiter benannt werden, können sich m. E. nur jeweils auf bestimmte Anwendungen beziehen. Auch sollten gestalterische Regeln regelmäßig in Frage gestellt werden, um ihre Gültigkeit zu überprüfen: alles ist der Veränderung unterworfen, so auch Sprache, Schriftsprache und Kommunikation.
Kritik an 4. »Kaum zu verändernder Zeichenvorrat«
»Typographie geht auf einen kaum zu verändernden Zeichenvorrat zurück«. Das ist eine richtige Feststellung, was das lateinische Alphabet betrifft, aber Weidemann geht noch weiter, denn er meint offensichtlich nicht das Zeichenrepertoire von A - Z und von a - z als solches, also fixierte Laute, sondern »die Formen«, und damit wechselt er ohne Vorwarnung in den Bereich möglicher Zeichenformen, also visuelle Gestaltung.
Es ist unverständlich, dass sich ein Designer gegen Gestaltungsmöglichkeiten sperrt (»so wenig zu verändern wie «) und an einem überlieferten Zustand festhält: »Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden«.
Abgesehen davon, dass sich die Zeichenformen einer Antiqua von denen einer Fraktur bereits in ferner Vergangenheit unterschieden, muss eingewendet werden, dass der Charakter einer Schriftart, also seine Auskleidung, durchaus und ständig erneut geformt werden kann, entsprechend der Mode, der Epoche und den Anforderungen. Und ebenso wird das Rad ständig »neu erfunden«, wie es z. B. im Automobilsport notwendigerweise praktiziert wird.
Kritik an 5. »Logisches Denken und psychologisches Wissen«
»Das Lesen ist mühselig und wird durch gute Typografie erleichtert«. Hier geht es offensichtlich um allgemeine Lesbarkeit, Leserlichkeit und Erfassbarkeit von Texten. Die deutliche Wahrnehmung der Zielgruppen und ihrer Aufnahmemöglicheiten ist ein wichtiger Aspekt bei der visuellen Gestaltung. Leider versäumt es Weidemann, seine recht allgemein gehaltene Äußerung zu verdeutlichen. Auch spricht er mit einem Mal von »guter Typographie«, dabei sollte Typografie doch generell den Empfänger einer Nachricht berücksichtigen.
Kritik an 6. »Typographie ist Umweltschutz der Augen«
Die »Augen nicht zu beleidigen und zu verwirren« erscheint zunächst als nachvollziehbares Ziel für visuelle Gestaltung: Ordnungsfaktoren, Komposition und Erfassbarkeit könnten hiermit gemeint sein. Aber Weidemann fährt fort: »Das Sichtbarmachen von Sprache ist an den Grundzeichenvorrat des Alphabets gebunden«. Schon diese Einschränkung des verfügbaren Zeichenrepertoires (Alphabet = A - Z, a - z) gibt es nicht; versuchen doch immer wieder Autoren (und Gestalter) den kommunikativen Umfang der Schriftsprache z. B. mit Sonderzeichen, mathematischen Zeichen und Ziffern (z. B. als Buchstabenersatz) zu erweitern, um Sprache visuell anders klingen zu lassen: Sprache ist lebendig, sichtbare Sprache ebenso.
Allerdings meint Weidemann »das Sichtbarmachen von Sprache in all ihrer Ausdrucksqualität« und setzt hiermit das Sprachzeichen mit dem gestalteten Zeichen (Schriftart) gleich. Dagegen muss entschieden eingewendet werden, dass gerade Schriftarten die Ausdrucksqualität von (fixierter) Sprache sehr verändern können. Jeder Gestalter der visuellen Kommunikation weiß das und versucht, lebendige Bildsprache zu erreichen, wobei die »Gesetze« (die leider nicht erläutert werden) des »Sehens und Verstehens« auch immer wieder überprüft und in Frage gestellt werden. Andernfalls könnte sich visuelle Gestaltung nicht entwickeln und mit der Zeit Schritt halten.
Kritik an 7. »Typographie strukturiert Information«
»Typographie strukturiert Information nach sachlich-logischen und mit ästhetisch-emotionalen Gesichtspunkten«. Die Aussage erscheint im ersten Teilsatz richtig, aber was ist denn »ästhetisch-emotional«? Welches Maß wird hier angewendet (wie auch bei den anderen Geboten)?
Vor allem in diesem »Gebot« werden Aussagen aneinandergehängt wie Phrasen, die O'Brien zu Winston Smith hätte sagen können: distanziert und endgültig. Die Vokabeln »sachlich-logisch« und »ästhetisch-emotional« bieten großen Spielraum in der Vorstellung: z. B. das Werbemittel für eine Kaffee-Fahrt passt gut hier hinein; oder eine Schlussverkauf-Anzeige. Oder fehlt mir einfach die »Erkenntnis«?
»Schlechter Satz ist unsozial«. Au Backe.
Kritik an 8. »Typographie bildet durch Schrift«
»Schrift ist Charakter«. Also doch. Gemeint ist offenbar Schriftart, also gestaltete Schriftform, denn hier wird vom Entwerfer gesprochen: Schrift »charakterisiert ihren Entwerfer«. Anschließend lesen wir vom schlechten Charakter des Entwerfers: »Phrasen«, »Pathos«, »Dilettantismus«. Vermutlich will Weidemann in knappen Worten darauf hinweisen, dass es unzulängliche Schriftarten gibt. Es lässt sich sicher nicht abstreiten, dass genügend Schriftarten nicht ganz ausgereift sind, nicht schlüssig in ihren Formen, unvollständig auch; das könnte man als »dilettantisch« bewerten.
Allerdings spricht er auch »falsches Pathos« an und »Selbstüberschätzung«: darin steckt eine Kritik an Schriftarten, die sich im Charakter nicht vornehm zurückhalten, sondern über die Strenge schlagen, sich bemerkbar machen und sich in den Mittelpunkt stellen.
Diese Schriftarten mögen vielleicht für bestimmte Anwendungen nicht sehr brauchbar sein, aber sie deswegen grundsätzlich zu verdammen, erscheint überheblich: so wie unsere Sprache lebendig ist, mal laut, mal leise, mal überlegt, mal spontan, so lebendig muss auch gestaltete Schriftsprache »sprechen« dürfen.
Kritik an 9. Kein »Stilfanatismus«
»Stilfanatismus endet in Routine«. Ist das nicht schön zu lesen? Beruhigend; das geht runter wie Honig: kein Gestalter möchte, dass seine Arbeit »kalt und abweisend« aussieht. Und wer möchte sich schon »Engstirnigkeit« vorwerfen lassen?
Mit diesem »Gebot« bezieht Weidemann ausnahmsweise eine gänzlich andere Position: »etwas verstehbar machen« als kommunikativer Auftrag führt zum »Erlebbarmachen«. Damit eröffnet er ein weites Feld für visuelle Gestaltung, auf dem bei »unterschiedlichen Zielen« auch unterschiedliche Maßnahmen möglich sind.
Allein den ersten Satz diese »Gebots« formuliert Weidemann leider falsch: »Typographie stellt so vielfältige Aufgaben« heißt es da. Das ist nicht richtig. Typografie als Dienstleistung, als kommunikative Gestaltung, erhält und erfüllt Aufgaben; nicht mehr.
Kritik an 10. »Regeln und Meister kapieren«
»Typographie kennt nur wenige Regeln und Meister, die sich in einem halben Jahrtausend gebildet und erhalten haben«, behauptet Weidemann, ohne sich um Beweise und Gültigkeit zu bemühen.
Aus der Tradition zu lernen, zu »kapieren«, ohne dabei zu »kopieren«, scheint grundsätzlich ein guter Umgang mit der Tradition zu sein. Allerdings leben wir in der Gegenwart so wie die »Meister« damals, die ihre Gestaltung für ihre Zeit ausführten. Und wir möchten unsere Arbeit für die Zukunft gewährleisten, damit künftige Generationen unsere Ansätze und Ideen als benutzbar betrachten.
Nicht nur in den letzten fünfhundert Jahren, auch in der Gegenwart versuchen wir unsere heutige Sprache »verstehbar« und »einsichtig« zu gestalten. Unsere heutige Sprache ist nur teilweise die Sprache der Vergangenheit: Sprache ändert sich, Menschen ändern sich, Zeiten ändern sich.
Mit einem vernichtenden Urteil schließt Weidemann dieses »Gebot« ab:
»In der Typographie gibt es so wenig grundsätzlich neu zu erfinden wie in der Kochkunst oder im Bett«. Diese Behauptung fordert geradezu polemische Vorhaltungen bezüglich eingeschränkter Erfahrungswelt heraus, aber Weidemann spricht von »grundsätzlich
erfinden« und unterscheidet vermutlich zwischen Wesentlichem und Spielarten. Dennoch klingt diese unglückliche Formulierung demotivierend: alle Aktivitäten der genannten Bereiche scheinen von vornherein zur Langeweile verdammt.
Besser wäre es gewesen, hätte er die Einschränkungen zum Anlass genommen, um die vielfältigen Möglichkeiten hervorzuheben, die trotzdem darin stecken. Auch das Alphabet hat nur einen beschränktes Zeichenrepertoire, sechsundzwanzig Buchstaben von A - Z, und dennoch sind die sprachlichen Möglichkeiten so vielfältig, dass wir uns an jedem neuen Tag erneut und neu verständigen können; täglich erscheinen neue Bücher mit neuen interessanten Inhalten. Die Kombinationsmöglichkeiten und Spielarten der Sprache sind lebendig und aufregend. Und ebenso interessant und belebend ist die Typografie; von Küche und Bett ganz zu schweigen.
Schlussbemerkung
Der Begriff Typografie wird im allgemeinen aus ihrem Arbeitsgebiet heraus erklärt, vor allem durch die Arbeitsmittel; dabei entsteht die Gefahr der einseitigen Beschreibung (siehe oben).
Dagegen wird die Aufgabe der Typografie viel zu wenig betrachtet, nämlich sichtbare Gestaltung zum Zweck der (optimalen) Nachrichtenübertragung: Typografie ist ein Teilgebiet des Visuellen Kommunikationsdesigns.
Obwohl Typografie Schrift gestaltet, handelt es sich dabei doch um Bildsprache; Schriftarten haben ein bildhaftes Aussehen, daher ihr Charakter und ihre Anmutung; Textformen werden zu Bildzeichen (z. B. ikonischer Art); Ordnung, Gliederung, Abstände und Größen sind analysierbare Faktoren der Bildsprache.
Typografie sollte nicht nur über seine Werkzeuge, sondern gleichzeitig als Mittel der visuellen Kommunikation betrachtet und ihre Arbeit im größeren Zusammenhang mit dem Sender-Nachricht-Empfänger-Modell analysiert und kritisiert werden.
Typografie sollte außerdem semiotisch untersucht werden (Syntaktik, Semantik, Pragmatik), um ein besseres Verständnis für angewandte Typografie zu erlangen und nachvollziehbar ihre Arbeitsweisen darzulegen.
Schließlich sollte eine Definition für Typografie alle diese Merkmale aufweisen, damit nicht nur die Öffentlichkeit einen deutlichen Begriff erhält.
Autor: Frank Baranowski, 2011.