Typografie im Lyrix-Projekt
Imitationen und Unikate
Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo alles begann. Die ersten Motive für dieses Projekt entstanden Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, und diese Motive, nämlich Lover, lover, lover und bald darauf Ride to Agadir wurden mit Schriftimitationen ausgestattet. Imitationen in dem Sinne, dass Duktus und Strichführung fremder Schriftzeichen kopiert werden, die Zeichen selbst aber aus dem lateinischen Alphabet stammen.
Angeregt von den Arbeiten eines Kalligrafen, der hebräische Schriftzeichen imitierte, machte ich den Versuch, eigene Imitationen zu schreiben - und der Versuch gelang. Diese Resultate lassen die Texte fremdartig und daher authentisch erscheinen: bei Lover, lover, lover handelt es sich um einen Text mit biblischer Anmutung, bei Ride to Agadir um den marokkanischen Befreiungskampf gegen die Franzosen. Die Fremdartigkeit der Zeichen führt, ebenso wie andere bereits erwähnte typografische Tricks, zu erschwerter Lesbarkeit; auch das ist gewollt.
Solche Imitationen zu schreiben, ist gar nicht so schwierig, wie Sie vielleicht befürchten. Sie sollten es probieren. Allerdings dürfen Sie keinesfalls meine Imitationen imitieren, erschaffen Sie Ihre eigenen und unterschätzen Sie nicht Ihre Fähigkeiten! Bei aller Ermunterung muss ich Sie auf folgendes hinweisen: wer Schriftzeichen imitiert, sollte bedenken, dass sich die betroffenen Kulturen unter Umständen zu Recht verletzt fühlen können. Achten Sie daher bitte darauf, welchen Text Sie schreiben!
Die Runenzeichen, die Sie auf Who wants to live forever sehen, sind ebenfalls Imitationen. Sie basieren übrigens auf einem berühmten Stein. Wenn Sie das Original (Stein von Rök, Schweden) zu Gesicht bekommen, werden Sie feststellen, dass nicht nur die Zeichen, auch die komplette Anordnung kopiert wurde. Aber so ist es nun einmal in der Popmusik: nichts ist heilig und alles kehrt zurück in neuer Verkleidung.
Selbst Imitationen haben ihre Grenzen. Wirklich interessant wird es dann, wenn Sie für einen Text, und nur für diesen, eine Schriftart entwickeln. Das beste Beispiel hierfür ist Bobby Brown. Jede weitere Erläuterung wäre wirklich überflüssig, das Motiv spricht für sich. Ich möchte lediglich hinzufügen, dass jeder Buchstabe ein Unikat darstellt. Die Reinzeichnung ist nicht gerade ein Zuckerschlecken, aber das Ergebnis überwältigt den Betrachter.
Für Loving her was easier brauchte ich unbedingt eine Unikatschrift, die sehr breit läuft. Die Zeilen mußten, dem Song entsprechend, ungewöhnlich lang sein. Piggies benötigte eine verspielte runde Schriftart. Schöne runde Konturen mit Kringeln, die Flächen wurden ausgetuscht. Blackbird, ein weiterer Beatles-Song, sollte in einem typografischen Kontrast dargestellt werden, damit der Betrachter stutzig wird. Gerade dieser Song ist ein schönes Beispiel für eine hausgemachte Type. Der Text ist gradlinig aufgebaut, und Sie können ihn entweder als Ermunterung oder als Verspottung verstehen. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Daher stehen die Strophen innerhalb der verschnörkelten Refrain-Zeilen, gefangen im Stacheldraht.
Viele Songs von Van Morrison haben etwas Leichtfertiges oder Unfertiges an sich; aus diesem Grund wollte ich Coney Island irgendwie aquarellieren. Die geometrischen Zeichen weisen einen flüchtigen Schwung auf, wie Segelboote. Bei Ruby Tuesday, dem Abschiedslied an eine schillernde Persönlichkeit, kam mir der Gedanke an ein üppiges Blumenbouquet - daher diese verschnörkelt-wilde Ausarbeitung. Sie merken, dass bestimmte Eigenschaften der Songs nach bestimmten Ausführungen verlangen. Sie brauchen lediglich viel Geduld, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.
Aber Geduld sollte eh eine der Stärken eines Typografen sein. Ein Gutes hat die Arbeit mit Satzschriften: die Zeichen laufen Ihnen nicht davon, sie warten darauf, geordnet zu werden. Das ist natürlich vergleichsweise einfach, weil Sie den Text zunächst setzen und daraufhin die Zeichenabstände ausgleichen können. Bei handschriftlichen Ausführungen (im besten Falle Kalligrafie) haben Sie diesen Vorteil nicht: jedes hinzugefügte Zeichen ist unverrückbar. Sie sollten sich trotzdem zutrauen, handschriftlich zu arbeiten. Schreiben Sie ein Unikat, ein Einzelstück. Und sehen Sie sich das Beispiel Suzanne an. Das ist nicht mein bestes Schriftbild und es ist erst recht keine Kalligrafie. Aber es ist schön, weil es von Hand gemacht wurde. Eine sehr einfache Handschrift zeigt Living years. In der Schrift liegt wirklich nichts Bemerkenswertes. Aber es reicht aus.
Ein kraftvolles und gelungenes Unikat stellt Forgotten town dar. Dieses Bild wurde ausschließlich mit dem Pinsel bearbeitet. Die mehrfarbige Pinselschrift wurde ohne vorherigen Versuch aufgetragen, der Text in losen Zeilen fortgeschrieben. Natürlich steckt eine Konstruktion in der Anordnung, aber das bedeutet schließlich nicht, dass es statisch und steif aussehen muss.
Mehr Gründe für Ihre eigenen Versuche liefere ich Ihnen aber nicht; den letzten Anstoß müssen Sie sich schon selbst geben...
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Autor: Frank Baranowski, 2004.