Typografie im Lyrix-Projekt

Die Möglichkeiten

Das Thema, der Inhalt eines Songs läßt sich durch Text und Gesang feststellen, also kennen Sie die beabsichtigte Aussage. Jetzt möchten Sie den Song typografisch umsetzen.
Bei allen Dingen, die man in seinem Leben macht, gibt es immer zwei Möglichkeiten: es beginnt damit, dass man sich entscheidet, ob man etwas tut oder ob man es bleiben läßt. Sie haben sich in diesem Fall entschieden, dass Sie es nicht bleiben lassen, sondern einen Song typografisch gestalten wollen. Und nun haben Sie die Möglichkeit, den Text so umzusetzen, wie er gemeint ist, oder ihn aber gegenteilig darzustellen.

Angenommen, Sie mögen den Song, sagen wir mal, es ist Madonnas »Holiday«. Tolles Stück, überschäumend quirlig, herrlich einfach und offen und positiv. Und genau so wollen Sie ihn typografisch gestalten. Dabei entscheiden Sie sich zunächst für eine Satzschrift, genauer gesagt: für eine flippige Display-Type. Sie stöbern durch Fontkataloge und sonstige Schriftartenverzeichnisse auf der Suche nach einer quietschigen Type für diesen Song. Die Suche erweist sich als schwierig, und wieder treffen Sie eine Entscheidung: Sie wählen keine Satzschrift, sondern setzen lieber auf Handschrift. Sie probieren es, und mit einer flüchtigen, weiblich-verspielten Kugelschreiberschrift, Ihrer eigenen, sind Sie zufrieden. Und damit haben Sie den ersten Summanden Ihrer Gleichung gefunden.

Sofort geht's weiter zum nächsten Teil, zur Farbe. Geben Sie's ruhig zu: bevor Sie einen Gedanken an die Schriftart verschwendet haben, war Farbe längst da! Der Song hat eine Farbigkeit, und bei Ihnen und bei mir hat er ein farbiges Gefühl hervorgezaubert, das unseren persönlichen Eindruck beherrscht. Also, was sind Ihre Farben, die diesen Girlie-Song ausmalen? Her damit: sie sind der zweite Summand in unserer Gleichung. Und Sie sind auf dem besten Weg, aus diesen Rohstoffen ein Kunstwerk zu schmieden. Die Entscheidung fällt Ihnen sicher nicht schwer, statt statischem Blocksatz flatternde, kurze Zeilen zu schreiben, denen jede Regelmäßigkeit fremd ist. Flippig soll es sein. Und tatsächlich: die Formlosigkeit ist die Form! Ihre Gleichung geht auf. Sie haben aus drei Teilen ein Ganzes erzeugt und eine Aussage verbildlicht; und zwar so, wie dieser schöne Song schön bei Ihnen hängenbleibt. Das ist der eine Weg.

Sie hätten auch einen anderen Weg gehen können: Sie wollen den Song typografisch darstellen, aber Sie mögen ihn nicht. Sie können ihn nicht ausstehen, und Sie möchten es genau so darstellen. Also, zurück zur Schriftauswahl. Bei Ihnen kleben gewisse Girlie-Merkmale wie Kaugummireste im Gedächtnis. Da es nun aber nicht immer einfach ist, eine Sache mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, kann man es beispielsweise mit dem Gegenteil versuchen.

Eine Mädchenhandschrift wäre zu erwarten, also drehen Sie den Spieß um und kontern mit einer Satzschrift. Damit nicht genug: es ist sogar eine fette Groteskschrift. Passt überhaupt nicht zum Song. Aber halt! Kaum haben Sie das Wort »holiday« gesetzt, stellen Sie ernüchtert fest: das sieht ja nach Sonderangebot und Schlußverkauf aus. Und Girlies stehen auf sowas. Also, so einfach ist es wohl doch nicht. Sie müssen sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Und Sie stöbern durch die Schriftverzeichnisse und treffen schließlich enttäuscht eine Entscheidung. Eine Satzschrift kommt doch nicht in Frage, der Song ist einfach zu persönlich. Aber mit einer gestelzten Sütterlinhandschrift können Sie die Euphorie des Songs dann doch noch knacken.

Sie haben den einen Summanden in's Gegenteil verkehrt. Reicht das aus? Nicht ganz, oder? Die Farbe muß raus, eintönig monochrom auf vergilbtem Grund, das kommt Ihrer Abneigung schon eher entgegen. Und was die Form angeht: streng und gleichmäßig angeordnete Zeilen, am besten mit Lineal vorgezeichnet, und noch besser: Sie schreiben die Strophen in endlos lange Zeilen! Wie langweilig und öde dieser Song jetzt aussieht!
Ist Ihnen etwas aufgefallen?

Es ist Ihnen bestimmt etwas aufgefallen: beiden Möglichkeiten ist es gemeinsam, dass sie die gleichen Voraussetzungen benutzen. Das Thema des Songs ist bekannt, und ebenso seine Aussage. Darauf beruht Ihre persönliche Handlungsweise. Sie mögen einen Song, weil er so und so ist, oder Sie lehnen ihn ab, eben weil er so und so ist. Und Sie verbinden die Song-Eigenschaften mit Gestaltungsmerkmalen. Dementsprechend reagieren Sie auf das Original: Sie können Ihre typografischen Mittel gezielt einsetzen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzeugen.

Das obige Beispiel ist natürlich vereinfacht dargestellt. Es sollte lediglich zeigen, dass eine bestimmte Eigenschaft zu ähnlichen Mitteln führen kann. Tatsächlich gibt es jedoch unendlich viele Möglichkeiten für eine Song-Interpretation. Die Frage ist dabei nur: wie weit kann sich der Gestalter von der ursprünglichen Aussage entfernen, ohne die Aufmerksamkeit des Betrachters zu verlieren? In diesem Fall sind Sie nahe dran geblieben, zumindest bei der ersten Möglichkeit. Die zweite Möglichkeit, nämlich die Umkehrung, erfordert einige Arbeit, um den Betrachter überhaupt für Ihr Werk zu interessieren.

Wie gesagt, aufgrund einer Voraussetzung gibt es zwei Möglichkeiten. Gefolgt von weiteren zwei Möglichkeiten. Usw. Usw. Usw. Im Lyrix-Projekt wird Ihnen jeweils nur eine Möglichkeit vorgestellt. Und diese unterliegt dem Anspruch, exemplarisch Strömungen in der Typografie und in der Popmusik darzustellen.

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Autor: Frank Baranowski, 2004.