Typografie im Lyrix-Projekt

Erschwerte Lesbarkeit

Lesbarkeit, bzw. gute Lesbarkeit, ist eine wesentliche Eigenschaft von Satzschriften. Je lesbarer eine Schriftart, desto wahrscheinlicher ihr Einsatz. Auch für die Typografie gilt dieses Kriterium: je übersichtlicher, lesefreundlicher und eben lesbarer ein Schriftsatz gestaltet wird, desto einladender empfängt die Seite ihre Leser.
Im Lyrix-Projekt werden diese grundlegenden Merkmale auch angewandt, dennoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die Lesbarkeit einiger Texte zu erschweren. Und dies gleich aus mehreren Gründen:

  • der Langeweile zum Trotz
  • dem Inhalt zur Unterstützung
  • und dem Leser zur Irritation.

Erschwerte Lesbarkeit ist nun wirklich nicht meine Erfindung. Glücklicherweise. Ich könnte Ihnen eine Menge Beispiele von erschwerter Lesbarkeit nennen, die lange vor meiner Zeit in die Leseraugen stachen, und zwar vorsätzlich! Als einen Akt der Nachlässigkeit muss ich die kostenlose Schriftenverbreitung während der DTP-Revolution bezeichnen: damals (und auch heute noch) wurden viele gute Schriftarten zur allgemeinen Quälerei freigegeben. (Siehe auch Gewöhnliche Satzschriften.) Mehr zu dem Thema können Sie auch im Beitrag über typografische Experimente erfahren.

Die Lyrix-Motive benutzen einfache Formen der erschwerten Lesbarkeit, und das schließt modische Versuche weitgehend aus: wir wollen ja nicht das Gefühl haben, unsere Augen an einem CD-Booklet zu ruinieren! (Siehe auch: Der typografische Koch: Das Salz, bitte!)

Unsere westliche Kultur sieht es vor, dass wir einen Text von oben links nach unten rechts lesen. Davon gehen unsere Lesegewohnheiten aus, und auch unsere Schreibgewohnheiten. Beim Lyrix-Projekt allerdings wurde diese Schreibrichtung bald zu einer störenden Angelegenheit, und es wurde langweilig, dieses Schreibschema ständig zu wiederholen.

Wenn man sich bemüht, sehr verschiedene Texte auf sehr verschiedene Arten darzustellen, sollten sich diese Texte eben auch in der Schreibrichtung unterscheiden. Texte wie Lover, lover, lover und Ride to Agadir laufen schon aufgrund ihrer Zeichenimitationen von rechts nach links. Das ist noch ziemlich einfach nachzuvollziehen. Etwas ungewöhnlicher stellt sich Space oddity dar: der Text läuft von rechts oben nach unten und dann von links unten nach oben. Diese Gegenläufigkeit sollte dem Layout etwas mehr Spannung verleihen. Mit gespiegelter Schrift haben wir es bei Spike zu tun; hier wird verdeutlicht, dass die Worte hinter Spikes Rücken gesprochen werden. Also: Schriftdarstellung als Interpretation. Eine weitere Spiegelung zeigt After the Gold Rush. Bei diesem Beispiel liegt kein weiterer Grund vor, als dass der Leser sich einfach nur anstrengen soll, um dem Text zu folgen.

Ein weiteres Beispiel, nämlich Forever young, hat einen aufbauenden Charakter: die geäußerten Wünsche werden im Verlauf des Songs immer eindringlicher - im Layout wird die Schrift deshalb immer größer. Natürlich hätte ich die großen Typen nach unten stellen können - das Fundament sähe stabil aus - durch die Umkehrung wirkt die Form etwas zerbrechlicher... Und macht etwas nachdenklicher, finden Sie nicht auch?

Eine nette, kleine Spielerei finden Sie in dem Motiv Born in the USA-Feel like a number. Der Text Feel like a number wird aus persönlicher Sicht erzählt. Aber im Layout kriegen Sie von Persönlichkeit nicht mehr viel zu sehen: die durchnummerierten Zeilen sehen sachlich und nüchtern aus. Durch Zufall oder Spielerei fand ich heraus, dass die Versalien der Frutiger, die verantwortliche Type, einigen ihrer Ziffern ziemlich ähnlich sind. Also wurde in manchen Fällen getauscht: A gegen 4, S gegen 5 usw... Diese Verwechslung kommt dem Text wieder sehr entgegen. Also, Irritation durch Interpretation, oder anders gesagt: Verunsichern durch Sichtbarmachen.

Diese Ansätze zu erschwerter Lesbarkeit haben alle eines gemeinsam: der Leser oder Betrachter wird aufgehalten. Sein Tempo kann nicht eingehalten werden; ob er ausreichend lang am Motiv verweilt, ist fraglich, vielleicht erscheint ihm die Schwelle sogar zu groß, und er wird diese Seite nicht mehr aufschlagen. Aber die Störung im Lesefluss unterbricht seine Gewohnheiten. Und damit sind wir bei den Kriterien des Lyrix-Projektes angelangt, wo es heißt:
»Wie kann schriftliche Fixierung aussehen, und wie sehr haben wir uns daran gewöhnt, nur wenige konventionelle Arten zu erfassen?«
Wir sollten wesentlich mehr große und kleine Experimente durchführen, um unsere Gewohnheiten zu schulen.

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Autor: Frank Baranowski, 2004.