Typografie im Lyrix-Projekt
Gewöhnliche Satzschriften
Ein wichtiges Ziel dieses Projekts ist es, solche Schriftarten zu verwenden, die jeder kennt oder kennen sollte. Einige dieser Schriftarten kommen bereits aus dem Bleisatz, wo sie als gutgemeinte Entwürfe für den breiten Einsatz entwickelt wurden. Im Laufe der Jahre wurden sie jedoch bis zum Überdruß eingesetzt, bis man sie schließlich einfach nicht mehr sehen konnte. Die Rede ist von Helvetica & Co. Fast möchte man diese Designs zur Ewigen Ruhe legen, etwa mit dieser Grabsteininschrift: R.I.P. (abgewandelt: requiescat in plumbum = Ruhe in Blei). Vielleicht wäre es dann mit der ständigen Mißhandlung vorbei.
Weil es aber auch viele schöne Beispiele mit diesen Schriftarten gibt, wollte ich gern etwas in dieser Art machen: Like a rolling stone bezieht sich ganz bewußt auf Konstruktionen, die mit Grotesk-Schriften wie der Helvetica erstellt wurden. Die englische Sprache wirkt sich hier übrigens vorteilhaft aus, denn die Kleinbuchstaben, die Gemeinen, der Helvetica zeigen am deutlichsten den Schwung dieses fetten Schriftschnitts. Die Schwarz-Weiß-Malerei, die im Song betrieben wird, brachte mich auf die Negativdarstellung, und so wirkt das Layout noch aggressiver.
Wobei wieder einmal deutlich wird, dass eine gute Schriftart keine Farbe benötigt, um sich zu entfalten: sie beansprucht Platz. Verschwenderisch ist daher auch For Emily, whenever I may find her. Dieser malerische Text wird mit der University Roman dargestellt, eine schwungvolle und überzogene Schriftart mit schmalem w und breitem e; sie beansprucht eine bestimmte Schriftgröße, um zur Geltung zu kommen, und der freie Zeilenfall unterstützt ihre Eigenwilligkeit. Farbe wird hier nur als Akzent eingesetzt.
Völlig anders verhält es sich mit der Aachen. Sie hat einen blockartigen Charakter, ihre Zeichen bilden keinen Raum, sie belegen ihn. Bei Sympathy for the devil sollte der gesamte Text als Block dargestellt werden, die Worte der Strophen laufen ziemlich ungetrennt nach unten. Die erschwerte Lesbarkeit kommt übrigens absichtlich ins Spiel: man soll den »bösen« Text entziffern.
Konsequenter Blocksatz ist auch bei Sweetest smile anzutreffen: Hier bilden die Zeichen ein Mauerwerk (mit Bezug auf den Text), jeder Buchstabe ein weiterer Stein. (Dieser Blocksatz ist übrigens von Hand gesetzt und gezeichnet.) Dead end street besteht aus fortlaufendem Blocksatz, oder besser gesagt: aus Formsatz. Hier fiel die Wahl auf Rubber Stamp, eine der vielen Transport-Schriftarten: die unterbrochenen und etwas rauhen Zeichen scheinen mir gut zum Sackgassenleben zu passen.
Leider ist die Fläche eines Zeichens in diesen Fällen wichtiger als sein Charakter. Wenn eine Form durch Zeichen nicht flächig wirkt, sondern unterbrochen oder fleckig, geht die erwünschte Wirkung verloren. Man muss sich wohl oder übel entscheiden, was wichtiger und was austauschbarer ist: die Form oder die Schriftart.
Formsatz ist eine äußerst zeitraubende Geduldsprobe, aber wenn der Satz funktioniert, wird Sie das Ergebnis mehr als reichlich belohnen. Das Labyrinth von Life on Mars gehört auch in diese Kategorie, allerdings verhält sich die Berliner Grotesk wesentlich gnädiger: die runden Zeichenformen lassen sich im geometrischen Zickzack einfacher ausgleichen.
Mehr Allerweltsschriften: Haben Sie herausgefunden, welche Schriftarten sich in Bodies verbergen? Es sind die Cooper Black und die Choc. Die erste ist eine beliebte gefällige runde Displayschriftart, die die zweite eine freche Pinselschrift aus der guten alten Reklamezeit. Aber hier verhalten sich beide Designs anders als gewohnt: nimmt man den Positiv-Negativ-Kontrast als Störfaktor weg, bleibt eine angeschnippelte und versetzte Cooper Black, überlagert von der Choc, die man nur für wenig Worte im ausreichend hohen Schriftgrad benutzen sollte - das Gegenteil ist hier der Fall. Sie sehen, man muss nicht unbedingt nach exotischen Schriftarten suchen, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.
Die Avant Garde gehört zu den weltberühmten Schriften, die sicher jeder schon einmal gesehen und erlebt hat. Diese stilvolle Konstruktion lädt zu ebenso stilvollen Wortkonstruktionen ein. Die einfache Geometrie der Avant Garde erlaubt eine Reihe ungewöhnlicher Ligaturen, die man unbedingt verwenden sollte, um den Reiz dieser Schriftart zu erhöhen. Oh sister ist ein einfacher, langsamer und kurzer Text, der einer Konstruktion gut entspricht, und es entstand eine klare Ausrichtung an einer Achse mit versetztem Zeilenfall, der die Leerräume überbrückt. (Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, dass ich den kompletten Satz anhand der Zeichenwege noch verändert habe.)
Soweit einige Beispiele mit gewöhnlichen Schriftarten. Stöbern Sie ruhig durch das Lyrix-Projekt; Sie werden anhand dieser Anmerkungen sicher einige neue typografische Entdeckungen machen.
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Autor: Frank Baranowski, 2004.