Formen im Lyrix-ProjektWortmarkenEin einfaches Beispiel für die Notwendigkeit einer Wortmarke im typografischen Bild ist Spike von Tom Petty. Ein durchtriebener Song voll von unterschwelligem Neid, von Mißgunst gegenüber dem Andersartigen und Auffälligen: »Well, we got another one, just like the other one: another bad ass, another troublemaker«. Die Stimmung ist böse, aber leise. Alles, was im Song gesagt wird, geschieht quasi hinter dem Rücken von Spike. Deshalb werden die Zeilen, abfällige Bemerkungen, spiegelverkehrt dargestellt - und klein. Von Spike erfahren wir nur durch Andere, und sie lassen ihn groß, unübersehbar und stachlig aussehen. Bitte: die Antwort und die Notwendigkeit liegen im Song selbst: »Hey, Spike! You're scarin' my wife!« Child in time von Deep Purple ist ein ausgesprochen gegensätzlicher Song, dessen musikalische Anspannung am deutlichsten in der legendären live-Aufnahme der '72er Japan-Tournee entladen wird. Das Stück bleibt leise, solange der Text gesungen wird, aber dann setzt die Lautstärke und Aggressivität ein, um schließlich wieder von der Stille des Gesangs abgelöst zu werden. Ein starker Song, der jedoch über die Komposition wirkt, weniger über die Lyrics. Der Text allein verleiht dem Song keine Form, kein Gesicht. Daher steht er typografisch im Hintergrund, groß zwar, aber trotzdem unauffällig als Muster. Die Störung dieser Harmonie findet allein statt durch die Handgranate in der Bildmitte: plastisch, vordergründig, fast schwebend wie ein unversehrtes Ei. Man sieht den Songtitel als Struktur auf diesem Ei, das völlig harmlos bleiben kann - oder auch nicht, siehe Lyrics. Die Zerrissenheit des Themas wird mit diesem Bild als Zustand der Anspannung dargestellt, in der Phase vor dem Sturm. Von einem ähnlichen Kontrast lebt Sympathy for the Devil, wenn auch aus anderen Gründen. Der Song hat ein durchgehend rhythmisches, treibendes Tempo, daher hätte sich vielleicht etwas Flüchtiges in der typografischen Umsetzung angeboten. Es bot sich aber eine andere Idee an: das Tempo typografisch zum Stillstand zu bringen durch erschwerte Lesbarkeit. Auch ist der Text, wie beim vorangegangenen Beispiel, nicht das tragende Element. Oder anders ausgedrückt: der Song läßt sich erheblich einfacher durch das Thema illustrieren, durch den Songtitel. Darum erscheint also der Text als Textur verkleidet: die Worte dreier Strophen rieseln herunter und vermischen sich fast in der Blockform. Als Gegenpol dazu der große Titel, der krönend und rauh über den Zeichen steht: das Motto genießt die gänzlich offensichtliche Ausgestaltung. Nur hier eben nicht als Störer, sondern als Appetitanreger für einen schlichten Fließtext. Wie Flügel breitet sich Time for me to fly von REO Speedwagon zwischen den Textzeilen aus. Auch ein Titel, der sich als Wortmarke für die Essenz eines Songs anbietet - oder für die Konsequenz. Kurz gesagt: es ist ein schönes und ungewöhnliches Bild für eine Herz-Schmerz-Geschichte. Bemerkenswert sind allerdings auch die Lyrics. Der Text beschreibt einen gekonnten Spannungsaufbau, der sich schließlich in den konsequenten Schlußzeilen entlädt. Das ließ sich typografisch aufgreifen, indem die Buchstaben zu Beginn des Textes sehr weit auseinander stehen, wie verloren, und dann von Zeile zu Zeile immer weiter zusammenrücken wie ein Entschluß, der schließlich an Form gewinnt.
Wortmarken eignen sich hervorragend für plakative Bildkompositionen. Wichtig ist, dass sich der Text mit dieser Dominanz verträgt. Man sollte sich nicht allein auf die Wirkung der Wortmarke verlassen, der Text muss auf jeden Fall typografisch bearbeitet werden. Aber wenn sich die Elemente gut vertragen, erhalten Sie ein ansprechendes Ergebnis, das seine eigene Atmosphäre verbreitet. Autor: Frank Baranowski, 2004. |
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