Formen im Lyrix-ProjektObjekteAlice Cooper macht ganz andere Songs, das wissen wir. Er schockiert, entwirft makabre Welten und, was das Beste ist: er kommt zur Sache. Und ohne Umschweife erklärt er: »I love the dead before they're cold«. Es war nicht einfach, für eine derart persönliche Stellungnahme eine geeignete Gestaltung zu finden. Gut: die Schrift sollte schon krass wirken, kalt und kantig und ungleichmäßig und rauh. Aber erst die Form verleiht auch hier dem Thema ein Gesicht. Eine Handschrift, womöglich wie mit Blut geschrieben? Fehlt immer noch das Szenario. Der Song erscheint mir weniger schockierend als kalt. Und kalt ist die gewählte Form der »Maske des Bösen«. Die Inschrift auf der Maske ergibt einen Sinn, weil sie gleichzeitig die Gesichtszüge darstellt. Ein Zusammenhang wie dieser ist äußerst notwendig, weil der Text sonst platt und aufgesetzt wirkte. Eine coole Idee, nicht wahr? Und spontan dazu. Die Idee der leeren, abgelegten Maske stellt übrigens zwei Möglichkeiten dar: entweder wartet sie auf einen Träger oder sie findet keinen Träger. Wie es Ihnen gefällt. Gegenständliches anderer Machart finden Sie in Rent von den Pet Shop Boys. Das ist ein einsamer Song über Jemanden, der sich für seinen Partner erniedrigt oder von ihm erniedrigen läßt: »I love you: you pay my rent«. Rent besticht durch seine Schlichtheit, mit der die Situation eindringlich anhand von Nebensächlichkeiten beschrieben wird. Wenn der Song derart einsam wirkt, entstehen Überlegungen zu ebenso einsam wirkenden Schriftbildern. Aber eine andere Betrachtungsweise läßt das Thema einfach krasser erscheinen. Denn Selbsterniedrigung macht aus einem Jemand ein Etwas, ein Ding. Ein Ding, das funktioniert. Deshalb wurde aus dem Bekenntnis des Songs der Werbetext auf einer Faltschachtel: »It's so easy with Pet Shop Babe!«. Wie bei I love the dead wird eine persönliche Aussage auf ein unpersönliches Umfeld, auf ein Objekt übertragen, um durch den Kontrast aufzufallen. Was Rent betrifft: die Schachtel ist leer und der Inhalt in Gebrauch.
Auch der Logical song von Supertramp wird durch sein figürliches Umfeld deutlicher dargestellt. Der Song beschreibt in Eigenaussage die Klage eines Menschen, dessen naive und kindliche Welt von der Wirklichkeit überrannt wird: »But then they sent me away to teach me how to be sensible«. Das Vernünftige, und für ihn Kalte und Nüchterne bedeutet für ihn die Abkehr von den »birds in the trees, they were singing so happily«. Ein fast naiver Song, stünde nicht am Ende die Befürchtung durchzudrehen: »What would you say, if they were calling you a radical?...A criminal?«
Ähnlich verloren geht es bei Everybody hurts von R.E.M. zu.: »When the day is dark and the night is your only friend«. Hier ist jemand verletzt worden, eine traurige Geschichte, aber typografisch betrachtet eine Geschichte wie viele andere auch. Man kann bestimmt das persönliche Gefühl typografisch darstellen; ich entschied mich, das Stimmungsprinzip darzustellen: etwas ist in Unordnung geraten, Jemand fühlt sich fremd in seiner gewohnten Umgebung. So entstand die Idee mit dem figurähnlichen Puzzleteil, das nicht an seinem Platz liegt. Das ist für mich das Thema des Songs. Die ganze Geschichte, die zu dieser Fehlstellung geführt hat, findet sich in der Fläche, die das Teil einnehmen sollte.
Autor: Frank Baranowski, 2004. |
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