Informationsverbreitung im WWW ist wie Essen auf Rädern, dachte der Web-Designer. Aber wer solch einen virtuellen Menü-Bringdienst betreibt, kann kaum beeinflussen, wie der ferne Gast in der Alu-Schale stochert.
Was erlauben Gast!?
Der Web-Designer ist außer sich: »Ich habe fertig!«, stößt er hervor, und mit einer wegwerfenden Handbewegung wischt er symbolisch seine vergeblichen Bemühungen beiseite, die er für seine ferne Kundschaft aufgewendet hatte. Und was hat er sich nicht alles einfallen lassen. Denn die simple HTML-Seite, so findet er, sieht aus wie ein Pausenbrot: nahrhaft, aber zwanghaft, und deshalb ungenießbar. Also hat er alles nett garniert. Und noch mehr garniert. Aber seine weltweiten Gäste wissen seine Servierkünste offenbar nicht zu schätzen: sie entfernen sich - laut Logfile. Oder finden sie einfach keinen Zugang? Händeringend steht er da.
Was soll man als typografischer Koch dazu sagen? Vielleicht, dass das Internet mit den Printmedien nicht vergleichbar ist. Dennoch hat auch Typografie im Weltnetz seine Funktionen. Wichtig sind die Grundlagen, die Wurzeln, eines jeden Beitrages. Danach läßt sich jeder Text in Überschrift, untergeordnete Überschriften und Passagen gliedern. Sinnvoll ist auch eine Einleitung, die den Benutzer mit wenigen Sätzen auf den Beitrag vorbereitet.
Vielleicht könnte man auch einwenden, dass das Internet nicht das schnelle Medium ist, das man sich ständig erhofft. Alle Extras, die die informative Seite verschönern sollen, machen sich in der Übertragung durchaus bemerkbar. Und der Betreiber kann nur hoffen, der ferne Gast möge gleichzeitig ein geduldiger sein.
Vielleicht hat der unsichtbare Kostgänger gar keine Zeit für grafische und typografische Kostbarkeiten. Vielleicht ist er der eilige Gast, der sich nur die Häppchen herauspickt, um sogleich wieder zu verschwinden. So gesehen entspricht das Internet weniger einem raffiniertem Buffet, das plaudernd leergefuttert wird, als einem üppigen Basar auf offener Straße. Und Ihr ferner Gast schleicht herum wie der Dieb von Bagdad, um bald auf Ihrer Homepage Mundraub zu begehen. Und schon ist er wieder weg.
»Was erlauben Gast?« entrüstet sich erneut der beflissene Dienstleister und kann es nicht fassen, dass all seine Design-Raffinessen im Müll landen. Nun, was sich der Gast erlaubt, ist seine eigene Sache. Er kann Banner, Bilder und Pop-ups unterdrücken, weil er sie nicht braucht oder weil er einfach nicht sehen kann. Vielleicht werden ihm hängende Einzüge, Initialen und gesperrte Zeilen gar nicht angezeigt, vielleicht verfügt er über keine Plug-ins, die ihm multimediale Erlebnisse verschaffen könnten. Vielleicht muss er über Aufforderungen wie »Hier klicken« lachen, weil er gar keine Maus hat. Und vielleicht möchte er einfach nur informiert werden.
Sollte der unbekannte Gast tatsächlich ein Fernverpflegter sein, so kann der typografische Kochtip nur lauten: »Servieren Sie frisch!« Denn niemand mag lauwarme Kost aufgetischt bekommen. Jeder möchte das Gefühl haben, als erster auf der Tour beliefert zu werden. Dann schmeckt's am besten. Und keiner möchte Zeit verlieren, die Verpackung zu öffnen, denn die Mittagspause ist kurz.
Das Internet ist jedoch keine Kantine und auch kein Buffet. Im weltweiten Netz hat niemand etwas bestellt und niemand wurde eingeladen. Aber viele kommen, wenn Sie Ihr Angebot öffentlich und zwanglos ausbreiten und mit frischer Kost aufwarten können. Der Dieb von Bagdad wird gern von Ihren Früchten naschen, und er wird Ihren Stand nicht vergessen. Und vielleicht wird er Sie eines Tages wieder aufsuchen - in seiner Eigenschaft als Prinz.
Autor: Frank Baranowski, 2005.