Jetzt kriegen wir unser Fett. Die dicken Typen sind unbeliebt wie nie zuvor, und das nicht nur wegen falscher Ernährung. Denn in Zeiten schleichender Reduzierung sind natürlich die Schlankheitsidole willkommen, auch wenn ihre Argumentation dabei recht mager ausfällt. Aber ich - ich mag die dicken Typen: sie haben das gewisse Etwas.

Liebe in Zeiten des Cholesterin

Also kalorienarm soll es sein. Und fettreduziert. Jetzt bestehen sie sogar auf linksdrehende Joghurts und reden schon öffentlich über ihre Verdauung. In den Werbespots wird mehr Wasser getrunken als in ganz Äthiopien zur Verfügung steht. Sie wollen sich nicht belasten und achten auf Ernährung - Halbfettmargarinejoghurteis undsoweiter. Hat mal jemand einen Eimer?

Und was sind das für Typen, die sich so outen? Nicht nur blasse und blutleere Frauen - auch Männer: Scharen von farblosen Weicheiern leben reduziert und sehen genauso aus.

Als Koch kann ich da glatt einpacken. Neuerdings scheint nur noch Typografie gefragt, die politisch korrekt, also nüchtern, sachlich und schlank daherkommt. Bloß keine Emotionen! Bewußt und leicht genießen, ganz entspannt im Hier und Jetzt. Man reiche mir endlich einen Eimer.

Was sind das für Zeiten, in denen dem Körper soviel Gewicht beigemessen wird? Angesichts der deutschen Geschichte hatten wir doch verhältnismäßig wenig fette Jahre, in denen wir mit den Pfunden wuchern konnten. Die nächste Krise kam bestimmt, kommt bestimmt und ist schon da. Natürlich ist es ein schleichender Schwund, aber sagen Sie später nicht, Sie hätten von nichts gewusst: erst wurden die dicken Typen verdrängt und überall prangten dafür die Halbfetten, bis auch sie den Mageren weichen mussten. Welch ein Abgesang auf Gestaltung und welch ein Heer an dürren Gestalten.

Der Unterschied zwischen mageren und fetten Schriften besteht darin, dass die fetten Typen auffallen sollen, die mageren jedoch nicht. Denn die mageren machen keine Musik: sie flüstern Text; die fetten aber geben den Ton an: sie machen Schlagzeilen. So einfach ist das.

Betrachten Sie Mager-Models: sie sind das abspeckendste Beispiel an Gesichtsverlust. Stellen Sie mal ein Model in den geistigen Windkanal und es entfleucht wie ein Kassenzettel auf dem Lidl-Parkplatz.

Der modelhafte Körper hat keine ausgeprägte Form, er darf sie gar nicht haben. Form bedeutet auch Eigenart, aber ein Model muss für die verschiedensten Anlässe brauchbar sein; Eigenart passt da nicht hinein. Ein fetter Pluspunkt für die Dicken.

Ich will so bleiben, wie ich bin! (Font: Mrs Beasley +)

Ja, ich mag die dicken Typen. Ich liebe sie, diese Schwergewichte; die Übergewichte, die ihrem Körper den nötigen Raum verschaffen. Diese Superlative des Volumens verstehen es, sich zur Geltung zu bringen. Deshalb wird ein Sumo-Ringer bestimmt nichts löffeln, wovon er einen flacheren Bauch kriegt. Wobei ihn seine Weight Watchers garantiert tatkräftig unterstützen.

Aber ich mag beileibe nicht alle Dicken: es gibt Fette, die insgeheim dünne Figuren sein wollen, und es gibt Magere, die eigentlich dicke Kinder geblieben sind (so wie Monica aus »Friends«). Wir alle merken das, und wir stutzen ganz gehörig, wenn die Person nicht zum Körper passt.

Bei den Schriften ist es ganz genau so. Die vielen Satzschriften verspielen ihren Charakter in der biederen Lesbarkeit der mageren Typen. Aber wehe, wenn's mal gewichtiger zugehen soll: dann werden die armen Hungerhaken gemästet, als stünde Weihnachten vor der Tür. Wenn sie dann wenigstens verspeist würden. Statt dessen haben diese gutbürgerlichen Schriftfamilien nun ein fettes Kind - für immer.

Die wahren dicken Typen brauchen sich jedoch nicht zu schämen: sie wollten immer dick sein. Sie werden wegen ihrer Einzigartigkeit sogar bewundert, und sie passen in nahezu jede Gesellschaft.

Dennoch sind die Dicken nicht mehr beliebt. Statt dessen erleben wir die magersten Langweiler im Großformat - und sie sehen immer noch spindeldürr aus. Und langweilig. Sie strahlen nichts aus als ihre Lesbarkeit. Man ersetze sie durch eine andere Satzschrift und erhielte das gleiche Gerüst mit ebenfalls beschränktem Charakter.

Was hält einen Typografen eigentlich davon ab, mit gescheiten fetten Typen zu arbeiten? Ist es schlichte Unkenntnis oder gar Unbehagen gegenüber mögliche Nebenwirkungen und Risiken? Oder ist es einfach die Knechtschaft in einer Unternehmens-CI (=Corporate Identity), die keinen Spielraum zulässt?

Letztlich läuft alles auf Einschränkung hinaus. Nur: wer zwängt sich gern in ein Korsett und erstickt dadurch mutwillig seine Stimme? Womit wir an den Anfang zurückgekehrt sind ...

Denn vermutlich geht es gar nicht um die tatsächliche Leibesfülle; es handelt sich wohl eher um Selbstverzicht, der sich im Kopf abspielt. Von wegen weniger ist mehr. Mehr ist mehr! Und bevor ich den mentalen Gürtel enger schnalle, entziehe ich mich vorsorglich allen Diskussionen über Gesundheit und Schönheit und geselle mich zu den dicken Typen, die gar nicht wollen, dass alle Welt dick ist. Zwang ist ihnen tatsächlich fremd.
Sie verlangen nämlich nicht: Du musst essen, bis du platzt; sie fordern auch nicht: Du sollst mehr konsumieren.
Sie sagen nur: Du brauchst nicht zu verzichten, denn da gibt es noch mehr und du kannst es haben. Sie sagen: Du darfst.


Autor: Frank Baranowski, 2008.