Die Würde des hungrigen Menschen sollte unantastbar sein. Gleichgültig, ob er sich materiell oder intellektuell ernähren möchte. Es ist sein Bedarf, sich regelmäßig zu ernähren. Warum ihn also deswegen deklassieren?

Elende Verbraucher

Finden Sie es nicht auch ausgesprochen degradierend, als »Verbraucher« bezeichnet zu werden, nur weil Sie Ihren täglichen Bedarf an Ernährung decken wollen? Das Wort »Verbraucher« unterdrückt die Eigenschaft des Brauchens, Benötigens, und hebt den verachtenswerten Aspekt des Verbrauchens, Allemachens, hervor. Gemein. Sie essen also den Fisch nicht, weil Sie hungrig sind, sondern weil Sie ihn vernichten wollen. Noch gemeiner. Hätte der Fisch etwa sinnvoller verwendet werden können, von Jemandem, der ihn eben nicht ißt? Ungemein kurios. Man könnte meinen, Sie seien bei einem gallischen Fischverleiher gelandet. Dennoch hinterläßt die obige Betrachtung einen schalen Geschmack auf der verwöhnten Zunge, nicht wahr?

Der Begriff »Verbraucher« fand seinen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch und hat sich dort festgesetzt. Angelegenheiten des Kundenschutzes in bezug auf Nahrungsmittel werden als »Verbraucherschutz« behandelt. Das Schutzgebiet wird zudem ständig erweitert, und das ist auch gut so. Allerdings hätte sich »Kundenschutz« als Titel wesentlich besser geeignet. Oder wenigstens »Konsumentenschutz«, das bei gleicher Bedeutung vornehmer als »Verbraucherschutz« klingt.

Stellen wir uns die Frage, was das Verbrauchende an unserem Handeln ist. Nun: außer Zeit und Energie verbrauchen wir im allgemeinen wenig, was nicht erneut wieder hergestellt werden könnte. Gut, Sie haben den Fisch gegessen, aber bald wird ein neuer im Netz zappeln. Sie sind eben hungrig auf Fisch, und nicht verbrauchig. Im Bereich der Tiernahrung wird übrigens nicht so harsch mit den Gästen umgesprungen. Dort heißt es eher, dass das Futter gut »verwertet« werden kann. Sind wir Menschen weniger wert?

Wenn Sie sich an den Tisch setzen, sind Sie zunächst ein Gast, wenn nicht gar ein genießender Esser. Und wenn Sie eine Buchhandlung betreten, sind Sie wenigstens ein Kunde, und im besseren Falle ein Leser. Sie möchten ein Buch benutzen, nicht wahr? Sie möchten es ohne Pause durchlesen oder darin blättern, etwas nachschlagen und vielleicht irgendwann wiederlesen. Das Buch wird im Laufe der Jahre abnutzen, aber wird es dadurch verbraucht? Doch wohl nur, wenn es ungenügend verarbeitet wurde oder wenn Ihnen der Inhalt nicht gefällt. Dann werfen Sie das Buch womöglich weg. Zu Recht.

Der Begriff »Verbraucher« ist eindeutig negativ behaftet. Und es kommt sogar noch schlimmer! Aus dem Verbraucher ist in der Zwischenzeit der »Endverbraucher« geworden. Kann man das noch schlucken? Nun sind Sie sogar zum finalen Übeltäter der Vernichtungskette degradiert worden. Und Sie erinnern sich vielleicht schmerzhaft, dass die Vorsilbe »End-« im Deutschen einen besonders fatalen Charakter erlangte.

Schluss mit der Entwertung. Sie sind nicht schuldig, wir alle nicht. Sollen sie uns ruhig Endverbraucher schimpfen. Eine Ware, die bereits verbraucht ist, kann nicht auch noch endverbraucht werden. So sieht's aus. Nur Pech für Sie, wenn Sie Ihr Geld für etwas ausgegeben haben, das in die Tonne gehört.

Die eigentlichen Verbraucher befinden sich eine Stufe vor uns. Der gute Fisch wird gegessen, der schlechte bleibt im Geschäft. Und der Verbraucher ist der Fischhändler, der keine frischen Fische anbietet. Die wirklichen Verbraucher sind die Leute, die wertlose Produkte herstellen oder vertreiben. Und Sie gehen mit leerem Magen nach Haus.

Das gute Buch wird gekauft, das schlechte nicht. Stellen wir aber bei der Benutzung fest, dass der Inhalt schlecht ist und /oder das Buch auseinanderfällt, werfen wir es weg, wohlwissend: der Verbraucher ist der Hersteller. Er hat Papier, Text, Typografie und anderes verbraucht.

Als Gast verdienen Sie es, gut bewirtet zu werden. Kein Koch dürfte es wagen, Ihren Geschmack zu unterschätzen. Was Ihnen nicht mundet, hat der Koch verbraucht. Lassen Sie das Essen zurückgehen. Wechseln Sie das Lokal. Und kommen Sie zu mir: in meiner Küche werden keine Zutaten verbraucht. Wer in meiner Frittenbude einkehrt, bekommt, was er dort erwartet. Und wenn auf meiner Speisekarte »Bouillabaisse« steht, dann nur, um meine mondäne und bewandte Kochkunst zu bewerben. Aber ich kann Ihnen versichern: hier in der Lüneburger Heide, fernab der Küste, verlangt verständlicherweise niemand nach einer französischen Fischsuppe.


Autor: Frank Baranowski, 2005.