Die Sahnehäubchen einer Schrift liegen über der Mittellänge. Der typografische Koch glaubt, dass so mancher Designer seine Kleckse etwas geübter setzen könnte.
Das i-Tüpfelchen und andere Sahnehäubchen
Schön waren die Zeiten, als der Punkt auf dem i noch Tüpfelchen hieß und auch dementsprechend aussah. Der Schreiber konnte dem Zusatz auf dem i Gefühl und Ausdruck verleihen, und er tat es auch. Gerade im Deutschen darf dieses Tüpfelchen jede erdenkliche Form und Richtung annehmen. Denn der einzige Akzent hierzulande ist der Doppelpunkt auf den Umlauten ä, ö und ü. In Frankreich herrschen diese Freiheiten bekanntlich nicht, die schriftliche Unterscheidung verlangt nach einer ganzen Reihe von Akzenten.
Ein echtes Sahnehäubchen, dieses i-Tüpfelchen: es verschönert den Buchstaben, setzt aber keinen Akzent - und mittlerweile gehört es einfach zum Menü. Wie Petersilie auf den Kartoffeln, wie Schnittlauch auf dem Quark, wie Sahne auf den Erdbeeren. Nichts Außergewöhnliches, dafür aber Selbstverständliches. Dabei käme das i sogar ohne seinen Zusatzpunkt aus; selbst Gutenbergs Lettern für den Bibeldruck ließen sich ungekürt genießen. Es ist wahrscheinlich den Handschriften zu verdanken, dass auch das i eine schönere und deutlichere Form annahm.
Der Schreiber darf Akzente nach seinem Belieben ausformen und vielleicht sogar nur flüchtig auf die Zeichen werfen. Der schreibende Koch hat es gut: sein handschriftliches Menü lädt garantiert zu einem Dinner für Zwei ein. Als typografischer Hobbykoch müssen Sie sich schon mehr in's Zeug legen, um Ihren Gast an den Tisch zu kriegen. Deshalb sollten Sie sich auf die gelieferten Zutaten verlassen können. Und die bestehen nicht nur aus A bis Z und a bis z, sondern aus Satz-, Sonder- und Zahlzeichen und eben auch aus Akzenten.
Wie dekorativ dieses Sortiment ausfallen kann, soll Ihnen anhand einiger Sonderzeichen-Layouts vorgeführt werden. Aber das Beste kommt stets zum Schluss. Zunächst dürfen Sie sich über einige Unzulänglichkeiten im Umgang mit Sahnehäubchen wundern.
Eine Satzschrift muss alle erdenklichen Sonderzeichen berücksichtigen, möchte sie international ihre Genießer finden. Allerdings sehen sehen die Sonderzeichen nicht selten wie aufgewärmte alte Bekannte anderer Schriften aus. Und auch die Gestaltung der Akzente erinnert beizeiten an Sahneschaum aus der Sprühflasche: unkontrollierte Kleckse, die nach einer Weile zusammenschrumpften. Die richtige Dosierung ist aber genauso wichtig wie jede einzelne Buchstabenform.
Beginnen wir mit einem Beispiel, bei dem die Formen und Verhältnisse weitgehend stimmen. Die Helvetica geht als gutes Beispiel voran:
Helvetica: Konsequente Geometrie der Rechteckform führt zu einem ungewöhnlichen Komma. Der Doppelpunkt-Akzent steht leider tiefer als der i-Punkt, der schön mit der Oberlänge abschließt. Der Ring hätte kleiner ausfallen können.
ITC Fenice: Auffällig ist der überdimensionale Ring auf dem a. Alle Akzente scheinen hier ein Eigenleben zu führen, was die Größe und die Position zur Oberlänge angeht. Sehr bedauerlich ist die Stellung des i-Punktes, der ziemlich auf dem i hängt. Bei einem Text in Lesegröße führt dieser Umstand leider zu unangenehmen Erscheinungen.
ITC Eras: Der Acute-Akzent (deutlich größer als Zirkumflex) steht sehr steil im Vergleich zur leicht kursiven Schrift. Der Ring fällt groß aus, dafür schwächelt die Tilde. Beachten Sie das Semikolon: der Punkt ist fetter als Strichstärke, i- und Doppelpunkt-Akzent, und das Komma fetter als die Anführungszeichen.
Sonderzeichen der Helvetica
Sonderzeichen der ITC Mendoza
Sonderzeichen einer Fraktur
Sonderzeichen der ITC Tiepolo
Sonderzeichen der ITC Typewriter
