Tonträger und Typografie sollten sich eigentlich gut vertragen und ergänzen. Bei Durchsicht seiner CD-Booklets meint der typografische Koch jedoch ernüchtert:
Das Salz, bitte!
Reizarme typografische Ernährung ist eine absolute Notwendigkeit bei der Verköstigung von Viel-Lesern. Der lesefreudige Magen muss schonend gefüllt werden, denn das ist förderlich für die Verdauung: alles andere führt zur Magenverstimmung und weiteren Beschwerden. Schon aus diesem Grunde hält sich die Typografie vornehm zurück, wenn sie Beiträge der Literatur, Wissenschaft und sonstiger sachdienlicher Hinweise zur Informationsaufnahme auftischt.
Diese Zubereitung gilt allerdings nicht für das Fast-Food der Werbung und sie gilt auch nicht für die kleine Mahlzeit, den Snack, zwischendurch: keine Illustrierte, kein Magazin unterläßt es, seine Appetithäppchen schmackhaft zu würzen; wer es dennoch versäumt, hat das Nachsehen. Die Küche des gedruckten Wortes bemüht sich um seine Gäste, auch wenn sie gelegentlich nur Allerlei vom Vortage aufwärmt.
Eigenartigerweise scheint die Küche der Musik ihre Anhänger nur über die Gehörgänge zu füttern. (Wenn die Musik nur bei den Schallwellen bliebe...) Aber leider werden Tonträger mit gedruckten Informationen bestückt: Angaben zur Produktion und eben auch Lyrics. Ein CD-Booklet, wenn auch recht kleinformatig, gehört jedoch nicht ins Ohr, sondern vor das Auge. Ein Booklet hat vielleicht nicht die Qualität eines 5-Gänge-Menüs (warum eigentlich nicht?), aber es muss auch nicht gerade wie der körnige Inhalt einer Tütensuppe serviert werden. Augenpulver für den hungrigen Gast! Daran kann man sich wohl kaum sattsehen.
Wie bitte? Sie wissen nicht, wovon die Rede ist? Dann gehören Sie entweder zu den bescheidenen Hörern, die nie ein Booklet herausgefriemelt haben, oder zu den Leuten, die ganz andere Musik konsumieren: wo die Booklets vor cooler Aufmachung nur so strotzen. Fotos, Montagen, phrasenweise Lyrics: Video-Clips als Daumenkino.
Das Problem der Fütterung besteht seit der Einführung der Tonträger. Solange die Single und die LP nur für sich selbst warben, war alles in Ordnung. Wie schön waren auch die ersten Jahre der CD: keine Erwartungshaltung an das Booklet - es war eh nur ein Faltblatt, kein Grund, es aus der Hülle zu ziehen. Aber sobald mehr Informationen ins Spiel kamen und kommen, versagt die musikalische Küche auf breiter Ebene. So großartig die Musik, so klein und mickrig ihre Texte. Und dies in einem Metier, in dem es vor schillernden Produktionen nur so wimmelt: Unterhaltungskost für Millionen! Internationale Gold- und Platinerfolge für lautstarke, freche, scharfe und süße 3-Minuten-Häppchen; jederzeit hörbar, zu keiner Zeit lesbar.
Liebe Hobby-Hilfsköche: in einer milliardenschweren Branche sollte es doch wohl drin sein, ansprechende Rezepte zu schreiben. Lyrics sind schließlich keine Vertragsklauseln. Lyrics sind subjektiv und möchten einzigartig serviert werden, keineswegs als Schonkost. (Und dabei haben wir uns diesmal noch nicht einmal mit den zunehmend schlichten CD-Covers beschäftigt.)
Songs dauern zwar durchschnittlich nur drei Minuten, aber das heißt nicht, dass das Booklet in der gleichen Zeit hergestellt werden muss. Schließlich benötigt die Song-Produktion auch mehr Aufwand. Stimmt's, Dieter? Wer seine Gäste nicht hin und wieder verwöhnt, muss damit rechnen, dass sie irgendwann wegbleiben. Und dann hilft auch kein Jammern über Musik-Tauschbörsen, die nur eine Fritteuse betreiben und das Salatblatt gleich ganz weglassen.
Autor: Frank Baranowski, 2004.