Die Wochen vor dem Jahresendfest sind eine Zeit der Besinnlichkeit und inneren Einkehr. Eine gute Gelegenheit, die persönlichen Altlasten aufzuarbeiten. Machen Sie mit: eine einfache Zwiebel wird auch Sie in vier Schritten kurieren.


Beim Schneiden einer Zwiebel

Schritt Eins: Beim Häuten einer Zwiebel kann sich der Hobbykoch bereits mit seinen grundsätzlichen Verfehlungen beschäftigen. Welche das bei Ihnen sind, wissen Sie selbst am besten. Gewisse Altlasten hängen auch an Ihnen wie schmutzige, vertrocknete Zwiebelhaut. Schichten des Makels. Entfernen Sie diese Schichten und legen Sie das Eigentliche, Wesentliche frei. Die Mühsal, kleine und kleinste braune Reste abzuschaben, ist gleichzeitig Befreiung. Also: Ziehen Sie ab, was Sie belastet und befleckt, auch wenn es schmerzt. Selbst Prominente wie Günter Grass kommen bei dieser Arbeit ins Schluchzen und greinen: »Das musste mal raus«. Herr Grass hörte an dieser Stelle auf, wir aber machen weiter.

Schritt Zwei: Beim Schneiden einer Zwiebel sorgt sodann der austretende Zwiebelsaft zwangsläufig für Kullertränchen. Nun können Sie Ihrem Katzenjammer freien Lauf lassen, denn das Ausmaß Ihrer täglichen Unzulänglichkeit sollte Ihre Augen zum Überlaufen bringen. Sie merken schon, bei diesem Arbeitsschritt bieten sich Ihre eher gewöhnlichen Verfehlungen an: schlechte Gewohnheiten, Ignoranz, Faulheit und Geldgier.
Sinnieren Sie also schniefend über »Ich war jung und brauchte das Geld« bis hin zu »Ich bin alt, aber ich brauche das Geld immer noch«. Damit entledigen Sie sich schon mal aller Peinlichkeiten, die Sie leichtfertig auf Kundenwunsch dahingeschludert haben - wider besseren Wissens.
Machen Sie weiter bei Ihrer fatalen Neigung zu hängenden Einzügen, monströsen Initialen und gesperrtem Versalsatz. Musste das alles so sein? Riesige Überschriften, grundsätzlich farbig und schattiert, aber den Fließtext acht auf achteinhalb druntergequetscht... Und auch Ihre Vorliebe für Kursivsatz, seitenweise! Was können wir froh sein, wenn durch Ihre Arbeit kein Leser blind wurde.
Runden Sie nun diesen Arbeitsschritt ab, indem Sie Ihre Nachgiebigkeit gegenüber verbohrten Auftraggebern beschniefen; beweinen Sie auch Ihren Unwillen, die Fachliteratur zu studieren... Wie bitte? Sie lesen nicht gern? (Als Typograf!?) Ach, Sie sind ein Quereinsteiger? Na, dann schneiden Sie gleich noch eine Zwiebel. Oder besser: fangen Sie beim Häuten an.

Schritt Drei: Beim Verzehr ein Zwiebel soll es keine Vorschriften geben. Sie haben sich bereits bei der Zubereitung gequält, nun können Sie entspannt genießen. Ob roh, gekocht, gedünstet oder geschmort; ob es förderlich für Ihre Gesundheit ist oder ob Sie einfach eine deftige Brotzeit brauchen: essen Sie Ihre Zwiebel, wie auch immer Sie es wünschen. Genüsslich und gemütlich. Nehmen Sie sich Ihre Auszeit (die früher schlicht »Pause« hieß). Sie hatten Fehler gemacht, Sie haben sie beklagt; und nun essen Sie.

Schritt Vier: Beim Verdauen einer Zwiebel können Sie endlich mit der Aufarbeitung Ihrer Verfehlungen abschließen. Denn nun, gesättigt, empfinden Sie Ihre Fehler als geradezu unwichtig, nichtig. Stimmt's? Eigentlich gar nicht der Rede wert. Peanuts. Und was haben Sie sich vorhin deswegen gequält. Sie werden ärgerlich.
Jeder macht mal Fehler, na und?! Sie sind vielleicht nicht der tollste Typograf, aber die Haute Cuisine der Typografie ist eh nur was für Erbsenzähler. Oder Typo-Schwuchteln. Und jetzt werden Sie richtig ärgerlich. Sie spüren, wie sich der Groll in Ihnen ausbreitet: der Groll über Ihren unnötigen Katzenjammer und der Groll über die Arroganz, die mit der Hohen Kunst der Typografie einhergeht, nicht wahr? Das arbeitet und drängt und kneift in Ihnen.

Lassen Sie Ihren Groll raus, so wie es Ihre Verdauungsorgane fordern: verschaffen Sie sich Luft (sozusagen).
Lenken Sie doch eine Batterie fieser Winde gegen die typografischen Gepflogenheiten im allgemeinen und schicken Sie ein paar üble Düfte gegen Ihre hochnäsigen Kollegen hinterher.
Dann noch einen dumpfen Mief in Richtung Ihrer Auftraggeber, die zwar Prokura, aber keine Ahnung haben.
Und schließlich donnern Sie noch tüchtig gegen alle Schöngeister und Mimosen, die nur aus Gewohnheit an Ihrer Arbeit herumnörgeln.
Jetzt geht's Ihnen besser.

Glückwunsch! Sie sind kuriert. Sie haben Geist und Körper wieder in Einklang gebracht und können zufrieden bestätigen: »Das musste mal raus«.


Autor: Frank Baranowski, 2006.


Der typografische Koch empfiehlt:

Zwiebeln, Zwiebeln und nochmal Zwiebeln.

Die Zwiebel ist nicht nur ein leckeres Gemüse, sie ist auch gleichzeitig ein bewährtes Hausmittel gegen Krankheiten.
Sie enthält schwefelhaltige Substanzen, die sekretlösend und verflüssigend wirken, und ist ein gutes Mittel gegen Husten und Schnupfen.
Außerdem wirkt die Zwiebel antibiotisch und schmerzlindernd bei Mittelohrentzündungen und Insektenstichen.
Nachzulesen bei: Gesundheit.de, WDR und SWR.

Wer also regelmäßig Zwiebeln verzehrt, kann sich auf ein langes, wenn auch einsames Leben freuen.


Unter dem Titel »Beim Häuten einer Zwiebel« veröffentlichte der angesehene Autor Günter Grass seine Lebenserinnerungen. Sein Verlag gab vorab Auszüge des Buches heraus, in denen der Autor u. a. den Makel seiner bislang verschwiegenen SS-Zugehörigkeit als Jugendlicher aufarbeitet. Das Buch führte bereits kurz nach Erscheinen die Bestenliste an.

Bei den bald darauf durchgeführten Kommunalwahlen konnten die sogenannten »Rechtsparteien« einen deutlichen Stimmenzuwachs verzeichnen.

Spötter stellten beide Ereignisse in einen Zusammenhang und meinten, Herr Grass hätte lieber sein Bekenntnis zu einer bürgerlichen Partei erneuern sollen. Dann wären die Wahlergebnisse anders ausgefallen...