Die Wochen vor dem Jahresendfest sind eine Zeit der Besinnlichkeit und inneren Einkehr. Eine gute Gelegenheit, die persönlichen Altlasten aufzuarbeiten. Machen Sie mit: eine einfache Zwiebel wird auch Sie in vier Schritten kurieren.Beim Schneiden einer ZwiebelSchritt Eins: Beim Häuten einer Zwiebel kann sich der Hobbykoch bereits mit seinen grundsätzlichen Verfehlungen beschäftigen. Welche das bei Ihnen sind, wissen Sie selbst am besten. Gewisse Altlasten hängen auch an Ihnen wie schmutzige, vertrocknete Zwiebelhaut. Schichten des Makels. Entfernen Sie diese Schichten und legen Sie das Eigentliche, Wesentliche frei. Die Mühsal, kleine und kleinste braune Reste abzuschaben, ist gleichzeitig Befreiung. Also: Ziehen Sie ab, was Sie belastet und befleckt, auch wenn es schmerzt. Selbst Prominente wie Günter Grass kommen bei dieser Arbeit ins Schluchzen und greinen: »Das musste mal raus«. Herr Grass hörte an dieser Stelle auf, wir aber machen weiter.
Schritt Zwei: Beim Schneiden einer Zwiebel sorgt sodann der austretende Zwiebelsaft zwangsläufig für Kullertränchen. Nun können Sie Ihrem Katzenjammer freien Lauf lassen, denn das Ausmaß Ihrer täglichen Unzulänglichkeit sollte Ihre Augen zum Überlaufen bringen. Sie merken schon, bei diesem Arbeitsschritt bieten sich Ihre eher gewöhnlichen Verfehlungen an: schlechte Gewohnheiten, Ignoranz, Faulheit und Geldgier.
Schritt Drei: Beim Verzehr ein Zwiebel soll es keine Vorschriften geben. Sie haben sich bereits bei der Zubereitung gequält, nun können Sie entspannt genießen. Ob roh, gekocht, gedünstet oder geschmort; ob es förderlich für Ihre Gesundheit ist oder ob Sie einfach eine deftige Brotzeit brauchen: essen Sie Ihre Zwiebel, wie auch immer Sie es wünschen. Genüsslich und gemütlich. Nehmen Sie sich Ihre Auszeit (die früher schlicht »Pause« hieß). Sie hatten Fehler gemacht, Sie haben sie beklagt; und nun essen Sie.
Schritt Vier: Beim Verdauen einer Zwiebel können Sie endlich mit der Aufarbeitung Ihrer Verfehlungen abschließen. Denn nun, gesättigt, empfinden Sie Ihre Fehler als geradezu unwichtig, nichtig. Stimmt's? Eigentlich gar nicht der Rede wert. Peanuts. Und was haben Sie sich vorhin deswegen gequält. Sie werden ärgerlich.
Lassen Sie Ihren Groll raus, so wie es Ihre Verdauungsorgane fordern: verschaffen Sie sich Luft (sozusagen).
Glückwunsch! Sie sind kuriert. Sie haben Geist und Körper wieder in Einklang gebracht und können zufrieden bestätigen: »Das musste mal raus«.
Autor: Frank Baranowski, 2006. |
Der typografische Koch empfiehlt:
Zwiebeln, Zwiebeln und nochmal Zwiebeln.
Wer also regelmäßig Zwiebeln verzehrt, kann sich auf ein langes, wenn auch einsames Leben freuen. Unter dem Titel »Beim Häuten einer Zwiebel« veröffentlichte der angesehene Autor Günter Grass seine Lebenserinnerungen. Sein Verlag gab vorab Auszüge des Buches heraus, in denen der Autor u. a. den Makel seiner bislang verschwiegenen SS-Zugehörigkeit als Jugendlicher aufarbeitet. Das Buch führte bereits kurz nach Erscheinen die Bestenliste an. Bei den bald darauf durchgeführten Kommunalwahlen konnten die sogenannten »Rechtsparteien« einen deutlichen Stimmenzuwachs verzeichnen. Spötter stellten beide Ereignisse in einen Zusammenhang und meinten, Herr Grass hätte lieber sein Bekenntnis zu einer bürgerlichen Partei erneuern sollen. Dann wären die Wahlergebnisse anders ausgefallen... |