Alles ist vergänglich, auch in der Typografie. Schriften kommen, Schriften gehen; die wenigsten treffen den Geschmack, die meisten welken unbemerkt dahin. Selbst der hartgesottenste Koch hängt besseren Zeiten nach, genau wie Humphrey Bogart...
As Type goes by
An manchen Tagen stehe ich hinter dem typografischen Tresen meiner Koch-Klause und nichts geschieht.
Ich kann die Tische abwischen, das Geschirr abräumen und die Fliegen verscheuchen - nichts geschieht.
Ich kann die Zutaten prüfen und Menüs entwerfen - aber nichts geschieht. Die Menüs werde ich nie zubereiten - das weiß ich... 5-Gänge-Menüs allerfeinster Typografie: vom Appetitanreger zu den einzelnen Gängen, jeder Gang eine Meisterleistung; dann der Hauptgang, ein typografisches Fest für jeden, der glaubte keine kulturellen Geschmacksnerven zu haben; und schließlich das Dessert: ein Hauch von Klassik und Romantik verfeinert mit kalligrafischer Poesie... Doch nichts geschieht.
Zwischen Traum und Imbißbude ist es nur ein kleiner Weg. Ernüchtert blicke ich in die Runde und sehe die gleichen Gesichter wie gestern: all die hoffnungsvollen Fonts, die an ihre Einzigartigkeit glauben. Die eleganten modernen Antiquas, die morgen schon wieder im Schatten stehen; dann die Grotesken, die nicht wissen, dass sich schon zu viele von ihnen auf dem Markt tummeln; die Display-Fonts, die so jung und spritzig auftreten, fast herausfordernd: Mir gehört die Welt! (Aber das denken sie alle von sich.)
Alle sind sie hier gestrandet, angeschwemmt am Kap der Letzten Hoffnung, fast hysterisch betteln ihre Augen um ein Ticket in die Freiheit, bevor es auch für sie zu spät ist. Und alle kommen sie zu mir, denn ich habe die Tickets.
Und währenddessen dröhnt über uns die letzte Maschine für heute auf ihrem Flug in eine bessere Welt. Stille kehrt ein, bis der Lärm verstummt.
Was darf's sein?
Das ist hier schließlich kein Wartesaal, also: was darf's sein?
Und gerade, als weiterhin nichts geschieht außer Warten, geht die Tür auf und sie kommt herein. Sie kommt einfach auf mich zu und spielt meinen Film der Erinnerung ab und ich kann nichts dagegen tun. Und ich denke: von allen heruntergekommenen typografischen Imbißbuden kommt sie ausgerechnet in meine...
»Hallo, Rick«, sagt sie.
Natürlich. Ich bin Rick. Wer sonst. Typo-Rick. Das war ich schon einmal, jetzt bin ich es wieder.
Was ist hier los? Liegt es an der Tageszeit oder liegt es an ihr? Um mich herum sieht jetzt alles schwarz-weiß aus und die anderen Fonts verlieren ihr bißchen Farbe, das sie überhaupt hierher geführt hatte. Jetzt sehen sie stumpf und verbraucht aus, und nur diese Eine, die hier vor mir steht, zieht alles Licht auf sich: denn sie ist die Einzigartige, die Bodoni.
So elegant wie damals, so makellos, so schlicht. Keine Allüren, kein Styling, keine Eitelkeit. Und sie hat sich kein bißchen verändert: weder Zeit, noch Schriftsatz konnten ihr etwas anhaben. Die Bodoni, eine Frau mit Charakter. Warum ging es letztlich mit uns nicht gut?
»Du hast mich verlassen«, sage ich.
»Nein«, erwidert sie, »du hast mich verlassen.«
Jetzt entsteht diese peinliche Stille, die ich schon kenne. Da sind Flecken auf dem Tresen und Fliegen auf dem Kartoffelsalat. Ich sollte mich darum kümmern.
»Nein«, behaupte ich, »du bist mit diesem Setzer durchgebrannt, der dir alles Mögliche versprochen hat. Und am Ende waren es doch nur Urkunden und Traueranzeigen. Du hast mir das Herz gebrochen, und genausogut hättest du es mir ausreißen und in diese Friteuse werfen können.«
»Rick! Wir wollen doch nicht die alten Brötchen aufbacken. Ja, ich ging fort von dir, aber nur, weil du mich nicht mehr beachtet hattest. Du hattest doch nur noch Augen für diese jungen Dinger. Sieh dich doch einfach hier um!«
Das hat gesessen - ein schwerer Hieb. Außerdem hat sie Recht.
»Und das hat ganz schön weh getan«, fügt sie hinzu.
Noch ein schwerer Hieb. Fast beiläufig hat sie ihn ausgeführt, und ich wette, es ist ihr nicht einmal bewußt, dass es der endgültige Treffer war.
Und so führt sie mir die ganze Unzulänglichkeit des Typografen vor Augen, sein nichtiges und eitles Streben.
»Na schön«, röchle ich, »du hast gewonnen. Nimm die Tickets und verschwinde mit deinem Untergrund-Typen. Das war's doch, was du wolltest.« (Deswegen kommen sie alle her...)
»Nein, Rick. Nur ein Ticket - für ihn. Ich bleibe.«
Also, wenn das immer noch Casablanca ist, dann gefällt mir diese Fassung wesentlich besser.
»Heißt das, wir fangen nochmal von vorn an?« frage ich ungläubig.
»Wie wär's, wenn wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben?« lächelt sie.
Eine gute Idee.
»Ich habe auch ein paar gute Ideen«, sage ich. »Was hältst du eigentlich von einem netten typografischen 5-Gänge-Menü? Jeder Gang ein Unikat; und dann erst der Hauptgang... die Hauptrolle spielst natürlich du.«
Wieder lächelt sie: »Rick, ich glaube, das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.«
»Das ist mein Text«, wende ich ein.
»Nein«, sagt sie, »meiner.«
Frauen...
Autor: Frank Baranowski, 2007.