Buchstaben als Bilder
Heutzutage versteht man unter Initiale offensichtlich nur noch einen vergrößerten Anfangsbuchstaben zu Beginn eines Kapitels oder Textabschnitts. Moderne Textprogramme bieten die Initiale als Auszeichnung an, und die Qual der Wahl scheint darin zu bestehen, ob die Initiale über die erste Zeile hinausragt oder nicht und wieviel Zeilen sie an Platz beansprucht. Wobei hinzugefügt werden sollte, dass in diesem Zusammenhang nur von Buchstaben der Satzschriften die Rede ist - nicht von illustrativen, ausgeschmückten Initialen.
Verglichen mit den historischen Vorbildern, die eine Buchseite zum Leben erweckten, nehmen sich die gegenwärtigen Beispiele eher armselig aus. Nun könnte man lamentieren: »Früher war mehr Lametta!«, aber andererseits wäre es durchaus möglich, dass Sachlichkeit und Funktionalität bei der Leserschaft besser ankommen. Nüchterne Informationsaufbereitung unterscheidet nämlich unsere ernstgemeinten Texte vom schrillen Marktplatz der Unterhaltung. Oder?
Womit wir wieder zu Gast beim typografischen Koch wären...
Funktionalität funktioniert und Sachlichkeit ist sachlich; beiden gemeinsam ist der fehlende Schmuck, die fehlende Dekoration. Nicht mal ein Salatblatt?
Sie finden das übertrieben, weil es doch auch heute noch so viele schöne Bücher gibt; auch wenn kaum Initialen darin auftreten. Und überhaupt: was ist so besonders an Initialen?
Da haben Sie's. Die Initiale ist nur ein Kleinod im großen Schatz der schriftlichen Fixierung. Aber was wäre ein Schatz ohne seine Bestandteile?
Der Umgang mit Initialen erfordert einiges Geschick. Sicher: der Gestalter muß Art und Zielsetzung des Textes kennen und daraufhin die geeigneten Initialen einsetzen, um dem Kapitel ein Gesicht zu verleihen. Allerdings gibt es ein grundlegenderes Problem, das im Textanfang liegt.
Solange der Text mit einem der 26 Versalien des lateinischen Alphabets beginnt, ist alles in bester Ordnung. Hierfür wird es immer eine geeignete Lösung geben, denn diese Initialen sind verfügbar. Was macht man aber, wenn der Satz mit einem Umlaut beginnt? Z. B. mit einem Ä. Bei einer typografischen Kanzlerrede würden Sie jetzt ganz schön in's Schleudern kommen. (Sie wissen schon: »Äh...« wie Ärklärungsnotstand.) Man könnte es mit Initial-A, gefolgt von e probieren. Aber das sieht nicht besonders schön aus, und erinnert darüberhinaus an idiotensichere E-Mails, bei denen man die aufgelösten Umlaute wieder in die Ursprungsform zurückchiffrieren muß. Die bessere Lösung wäre tatsächlich, einen Satz gar nicht erst mit einem Umlaut beginnen zu lassen; das bedeutet, dass der Autor umschreiben müßte - aber das wäre in den meisten Fällen (siehe Politik) gar nicht mal schlimm.
Wenn ein Text mit einer Ziffer anfängt, liegt noch kein Grund zur Panik vor: 1 läßt sich mit Eins umschreiben. Sollte aber ein Text mit @, § oder ähnlichen Zeichen beginnen (wofür es wirklich nie Initialen geben sollte!), dann haben Sie es mit dem typografischen GAU zu tun. Doch auch dann gibt es eine Lösung: entweder Sie lassen die Finger von Initialen oder Sie feuern endlich den Texter!