Webdesign: »Hallo Welt« oder ...?
Eine gute Shop-Website ist wie ein Kaufhaus: angenehmes Einkaufen in gemütlicher Atmosphäre. Eine schlechte Website ist - nun ja - auch wie ein Kaufhaus... Schwer vorstellbar? Dann lassen Sie uns ein Kaufhaus aufsuchen, das wie eine schlechte Website funktioniert: mit Pop-ups und Cookies.
Möchten Sie einen Keks?
Stellen Sie sich vor, Sie möchten einkaufen: und zwar bei »Kauf-Mich«, diesem neuen coolen Kaufhaus, von dem Sie bereits gehört haben. »Markenartikel zu günstigen Preisen«. Klingt gut. Also gehen Sie dorthin: Innenstadt, beste Lage. Schon von weitem sehen Sie die herrliche Fassade mit dem mächtigen Portal.
In den Schaufenstern und auf den Stufen der Eingangstreppe stehen große Tafeln mit diesen Aufschriften:
»Willkommen bei Kauf-Mich!«
»Um unser vielfältiges Angebot zu sehen, müssen Sie an diesem Schild vorbeigehen.«
»Öffnen Sie die Tür, um alles zu sehen.«
Etwas eigenartig, finden Sie, aber irgendwo zwischen den Tafeln entdecken Sie am oberen Ende der Portaltreppe den Eingang und Sie stiefeln los.
Ihr Weg dorthin gestaltet sich schwierig. Viele Stufen, viele Tafeln. Außerdem springt Ihnen ein Werbe-Team entgegen, um Sie von den günstigen Tarifen eines Handy-Anbieters zu überzeugen. Dem weichen Sie aus.
Gleich darauf werden Sie von einem Kauf-Mich-Mitarbeiter förmlich bedrängt: »Möchten Sie einen Keks?« Und er fügt hinzu: »Damit Sie gut bei uns einkaufen.«
Sie nehmen den Keks, Sie nehmen die Stufen, Sie weichen den Tafeln und den Werbern aus und schaffen es schnaufend zur Eingangstür. »Möchten Sie einen Keks?« werden Sie erneut gefragt. Und atemlos nehmen Sie auch diesen, denn Sie wissen, Sie sind gleich am Ziel.
In der Eingangshalle sehen Sie zwar keine Markenartikel zu günstigen Preisen, dafür können Sie verschiedene Türen wählen, die zu den Abteilungen führen: »Produkte«, »Sonderangebote«, »Wegweiser«, »Kasse« usw. Was ist hier los?
Sie hatten erwartet, dass ... Da springt schon wieder ein Promotion-Team vor Ihre Füße und wirbt für verschiedene Artikel des Hauses. Und jetzt fällt es Ihnen schon ziemlich schwer, sich zu konzentrieren.
Eigentlich wollten Sie zu den Produkten, um zu sehen, was sich dort verbirgt, aber genervt steuern Sie die Sonderangebote an. Schnäppchen lohnen sich irgendwie immer, und schließlich möchten Sie hier bald wieder raus.
In der Abteilung Sonderangebote (»Möchten Sie einen Keks?«) finden Sie etwas Kaufbares und Sie schleppen sich und die Ware (»Einkaufswagen eine Treppe tiefer«) in die Abteilung »Kasse«.
Leider, so die Kassiererin, sei dieser Artikel nicht mehr verfügbar. Was Sie sich gegrabscht haben, ist nur ein Ausstellungsstück. »Wir wissen nicht, wann und ob dieser Artikel wieder hereinkommt.« Aber: »Wenn Sie uns Ihre Telefonnummer da lassen...« Nein Danke, winken Sie ab. Nicht noch ein Keks oder so.
Sie gehen. Endlich. Sie entfernen sich. Am Ausgang der Kasse-Abteilung winkt Ihnen ein Kauf-Mich-Angestellter freundlich zu: »Vielen Dank für Ihren Einkauf.« Ironie oder Unwissen? Und er fügt hinzu: »Möchten Sie auch künftig über unsere Angebote informiert werden?« Aber das überhören Sie. Insgeheim möchten Sie ihm einen Keks in die Hand drücken, aber Sie sind längst draußen.
Sind Sie nun ein unzufriedener Kunde? Wohl kaum, denn Sie haben ja nicht einmal etwas gekauft!
Vielleicht sind Sie noch nicht fit genug für Kauf-Mich. Sie hätten sich etwas mehr anstrengen können.
Übrigens: der Kauf-Mich-Geschäftsführer erzählte mir neulich, das Kaufhaus sei nur eine Präsenz in der Innenstadt. Etwas kostspielig, aber: was soll's. Der eigentliche Umsatz findet draußen im Industriegebiet statt, mit Lagerverkauf.
Wie sieht's aus? Möchten Sie jetzt einen Keks?
Autor: Frank Baranowski, 2006.